Wir benötigen neue Behandlungsmethoden für Diabetes
Die Zahl der Menschen, die jedes Jahr neu an Diabetes erkranken, steigt kontinuierlich an, Experten sprechen gar von einer Epidemie. Da die Forschung noch nicht abschließend die Ursachen dieser Erkrankung bestimmen kann, spielt Prävention zum Schutz vor der Erkrankung eine entscheidende Rolle. Im dritten Teil unseres Interviews mit Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler spricht die Medizinerin, die seit über 25 Jahren in der Diabetesforschung tätig ist, über die Möglichkeiten der Diabetesprävention, über die Notwendigkeit, Behandlungsmethoden weiterzuentwickeln und über einen neuen Therapieansatz mit Stammzellen aus dem Nabelschnurblut
Kann man sich vor Diabetes schützen?
Ich würde sagen: nein. Nein insofern, als dass Diabetes zu einem großen Teil genetisch bedingt ist und wir einfach keinen hundertprozentigen Umweltfaktor als ursächlich nennen können. Allerdings liegt es nah, dass man sich, wenn man aus einer Diabetesrisikofamilie kommt, zumindest was die Ernährung und gewisse frühkindliche Faktoren betrifft, ”vorbildhaft” verhält – sprich: man tut das Beste. In unseren Augen ist es empfehlenswert, wenn man sich an die Vorgaben der Gesellschaft für Kinderernährung hält. Das mag banal klingen, aber es ist eine Tatsache, dass sich weniger als zehn Prozent der Bevölkerung nach diesen Richtlinien ernähren.
Studien belegen, dass die Zahl der an Diabetes erkrankten Menschen künftig deutlich steigen wird. Worin glauben Sie liegen die Ursachen für diese Tendenz?
Das wissen wir auch noch nicht. Man kann nur beobachten, dass so etwas auch mit Veränderungen in einer Gesellschaft einhergeht. Um ein Beispiel zu nennen: nach der Vereinigung von Deutschland sind die Zahlen der Diabeteskranken in den neuen Bundesländern deutlich angestiegen. Gewisse Umweltveränderungen führen zu solchen Anstiegen. Die vorhin bereits erwähnten Hygienefaktoren scheinen eine große Rolle zu spielen. Aber die wirkliche Ursache dieser Epidemie kennen wir bis heute leider nicht.
Können die heutigen Behandlungsmethoden da noch mithalten?
Die Betroffenen können heute durch eine extrem gute Insulintherapie eine lange Lebenserwartung haben und relativ gut zurecht kommen. Dennoch ist die Insulintherapie eine Hormonersatztherapie und bewirkt keine Heilung. Deswegen glaube ich, dass wir neue Behandlungsformen benötigen, durchaus auch in Kombination mit der Insulintherapie.
2007 berichteten amerikanische Forscher von ersten positiven Ergebnissen nach der Behandlung mit körpereigenem Nabelschnurblut. Wie beurteilen Sie diese Studie?
Unsere Studie ist Teil dieser amerikanischen Studie, das heißt, wir gehören zusammen, wir sind ein Satellitenzentrum hier in Deutschland, aber es ist ein gemeinsames Projekt. Die Amerikaner haben allerdings eine Vorauswertung von ersten Pilotergebnissen gemacht, die sehr positiv zu lesen waren. Das heißt, die Patienten, die mit ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt wurden, konnten wieder selbst mehr Insulin bilden, was darauf hindeutet, dass als Folge der Therapie durchaus Zellen neu gebildet wurden oder die Zellen weniger zerstört wurden. Allerdings denke ich, dass man eine Gesamtauswertung erst dann machen kann, wenn genügend Patienten in der Studie aufgenommen worden sind und diese lang genug nach den Transfusionen beobachtet wurden.
Bedeutet das, dass die Ergebnisse der Amerikaner verfrüht sind?
Nein, die sind nicht verfrüht. Für uns waren diese Erkenntnisse unheimlich wichtig. Sie sind ein erstes Signal, dass wir hier nicht umsonst arbeiten. Ich denke aber, man kann sie noch nicht als das abschließende Ergebnis werten, sondern diese Daten stellen sozusagen eine erste Tendenz, eine Vorauswertung dar.
Wie sieht Ihr Teil der Studie in puncto Dauer, Ziel und Ablauf aus?
Unser erklärtes Ziel ist, hier in Deutschland zehn Patienten zu behandeln. Die hier gewonnenen Daten werden dann zusammen mit denen der amerikanischen Patienten – ich glaube, das sind bisher insgesamt schon 30 – ausgewertet. Patienten können mindestens ein Jahr nach Diabetesausbruch in die Studie aufgenommen werden und werden dann zwei Jahre in der Studie nachuntersucht. Bei der Nachuntersuchung schauen wir unter anderem nach, ob die Stammzellen, die wir gegeben haben, im Blut weiter nachweisbar sind, ob das sozusagen lebende Zellen sind, die wir auch finden können. Uns interessiert auch, wie lange wir diese Zellen im Blut finden können, wie effektiv also eine Behandlung überhaupt ist. Daneben schauen wir nach gewissen Sicherheitsparametern, zum Beispiel, dass die Patienten keinerlei Nebenwirkungen haben. Darüber hinaus prüfen wir, wie der Patient in diesem Jahr auf das Diabetes einzustellen ist oder ob man sogar den ein oder anderen Patienten ganz von der Insulintherapie, die ja zusätzlich durchgeführt wird, befreien kann, da der Patient in diesem Fall wieder genug eigenes Insulin produziert.
Wie lang ist die Studie denn angelegt? Kann man jetzt schon sagen, wann mit ersten Ergebnissen zu rechnen ist?
Wir hoffen, dass wir innerhalb von zwei Jahren die zehn Patienten aufnehmen können. Drei stehen wie gesagt jetzt schon fest. Ich denke, dass man bis Ende 2011 eine gemeinsame Auswertung mit den amerikanischen Patienten bekommt. Bis dahin werden es insgesamt etwa 50 Patienten sein, die wir untersucht haben, und dann kann man schon sehr viel mehr Aussagen tätigen.
Glauben Sie, dass Typ-1-Diabetes auf diese Weise einmal vollständig geheilt werden kann?
Ich glaube daran, dass wir eine Heilung für den Diabetes finden werden. Welches Therapiekonzept sich am Ende durchsetzen wird, das wird sich zeigen.
Bei welchen Krankheitsbildern können Sie sich die Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut zudem noch vorstellen?
Da bin ich zu wenig Experte auf anderen Gebieten, aber ich weiß, dass Nabelschnurblut zum Beispiel heute schon bei Hirnschäden oder selbst bei einem Schlaganfall eingesetzt wird. Neben diesen Anwendungsbereichen, die ja primär ältere Menschen betreffen, kann Nabelschnurblut aber auch bei zerebralen Schäden, wie sie beispielsweise durch Sauerstoffmangel während der Geburt entstehen, eingesetzt werden. Die positiven Ergebnisse solcher Therapien haben gezeigt, dass praktisch überall, wo Zellen zerstört worden sind oder einen Defekt aufweisen, die aus Nabelschnurblut gewonnenen Zellen ein enormes Potenzial haben, diese defekten Zellen zu ersetzen. Das liegt vor allem daran, dass bei den Zellen des Nabelschnurblutes noch alle Zellmarker vorhanden sind und sich diese in alle Zelltypen differenzieren können. Dies ist die Basis dafür, dass man überhaupt erst an einen solchen Therapieansatz denken kann.
Den ersten Teil des Interviews mit Frau Prof. Ziegler lesen Sie hier: http://www.nabelschnurblut-experten.de/neue-strategien-um-typ-1-diabetes-endgultig-zu-heilen/1521
Zum zweiten Teil des Interviews gelangen Sie hier: http://www.nabelschnurblut-experten.de/die-autologe-nabelschnurbluttransplantation-ist-ein-ganz-neues-therapiekonzept/1524