Nabelschnurblut: Die breitere Anwendung ist auch Aufgabe der Politik

Kinderarzt und Stammzellexperte – zwei sich ergänzende Kompetenzen. Im klinischen Alltag mit den Krankheiten der kleinen Patienten konfrontiert, überträgt Prof. Dr. Karl Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover sein Wissen auf die Forschung. Im Interview erklärt er dabei die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern. Zudem gibt er einen Einblick in die Verfügbarkeit von Stammzellen aus Nabelschnurblut und Knochenmark.

Worin liegt der Unterschied zwischen Stammzellen von erwachsenen Spendern und Kindern?
Prinzipiell besteht kein Unterschied zwischen den Stammzellen von Erwachsenen und denen von Kindern. Bei Kindern (und im Nabelschnurblut) ist die Gesamtzahl der Stammzellen im Körper natürlich geringer. Die Anzahl der Stammzellen und unreifer Vorläuferzellen (CD34 positive Zellen), die für die Regeneration der Blutbildung eines Patienten erforderlich ist, wird nach Kilogramm Körpergewicht berechnet und liegt bei zirka zwei Millionen. Ein Kind benötigt also eine geringere Gesamtzahl von Stammzellen für die Regeneration als ein Erwachsener.  Andererseits stehen bei einem Kind als möglicher Spender natürlich weniger Stammzellen für eine Transplantation zur Verfügung als bei einem erwachsenen Spender.

Wie unterscheiden sich Therapieansätze bei Kindern und Erwachsenen?
Die Arten der Erkrankung sind bei beiden Patientengruppen unterschiedlich: So tritt bei Erwachsenen vor allem myeloische Leukämie und bei Kindern eher die lymphoblastische Variante auf. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Therapieansätze: Bei 90 Prozent der Kinder, wird bereits mit einer Chemotherapie eine Heilung der Krankheit erreicht, so dass meist keine Transplantation mehr nötig ist. Die übrigen zehn Prozent sind Untergruppen der Leukämie, wie Hoch-Risiko-Leukämien – mit einer besonders hohen Rückfallquote. In diesen Fällen ist eine Therapie mit anschließender Transplantation (mit Stammzellen aus Knochenmark, Nabelschnurblut oder peripherem Blut) unumgänglich. Bei Erwachsenen besteht die Notwendigkeit einer Stammzelltransplantation dagegen wesentlich häufiger als bei Kindern.

Wie wird ein passender Spender für Knochenmarksstammzellen gefunden?
Bei Kindern wird zuerst nach Geschwistern gefragt. Hier wird untersucht, ob die Kinder in ihren HLA-Merkmalen übereinstimmen. Bei rund 25 Prozent der Geschwister ist das der Fall. Wird hier jedoch unter den Geschwister kein in den Gewebsmerkmalen passender Spender gefunden, richten wir uns an das zentrale Knochenmarkregister in Ulm. Hier wird nach einem fremden Spender mit passenden Gewebsmerkmalen gesucht.

Welche Quellen stehen für die benötigten Stammzellen zur Verfügung?
Die Stammzellspende kann sowohl aus Knochenmark, peripheren Blut oder aus Nabelschnurblut gewonnen werden. Allerdings weist uns das zentrale Knochenmarkregister den Typ der Stammzellen selbst zu. Wir haben darauf keinen Einfluss. Vor allem Stammzellen aus Knochenmark und dem peripheren Blut stehen derzeit in großer Menge zur Verfügung, so erhalten wir mit großer Sicherheit eine solche Spende. Das Register verfügt zur Zeit nur über wenige Nabelschnurblut-Proben, deshalb ist die Chance, Stammzellen aus Nabelschnurblut zu erhalten, relativ gering.

Wie denken Sie, wird sich das Verhältnis zwischen Nabelschnurblut und anderen Quellen von Stammzellen zukünftig entwickeln?
Das Angebot an Nabelschnurblut-Proben ist im Moment eher begrenzt – was auch den Einsatz von Stammzellen aus Nabelschnurblut noch einschränkt. In den USA und Japan kommt Nabelschnurblut schon heute wesentlich häufiger zum Einsatz als in Deutschland. Ein Grund dafür ist unter anderem, dass dort Nabelschnurblutbanken mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. In den USA ist vor allem die ethnische Heterogenität Anlass für die enge Zusammenarbeit zwischen Medizin und Staat. Denn aufgrund dieser Vielfältigkeit gestaltet sich die Suche nach einem passenden Spender viel schwieriger als zum Beispiel im ethnisch relativ homogenen Deutschland. Diese Situation hat den Bedarf an Nabelschnurblut schon viel früher enorm ansteigen lassen, da hier die Übereinstimmung der HLA-Merkmale von Spender und Empfänger nicht 100 Prozent betragen muss. Aufgrund der unterschiedlichen Ausgangssituation in Deutschland, ist diese enge Zusammenarbeit zwischen Medizin und Politik noch nicht gegeben. Hier muss ein eng verknüpftes Netz aufgebaut werden – eine Aufgabe, der sich die Wissenschaftspolitik stellen muss.

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  1. [...] erklärt er, dass der große Vorteil von Nabelschnurblut in regenerativen Therapien liegt. Denn mit Stammzellen aus Nabelschnurblut ist es möglich, funktionelle Leber- und Bauchspeicheldrüsengewebe [...]

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