“Nabelschnurblut ist die Quelle frühester adulter Stammzellen”

Nabelschnurblut-BoltzeSeit 2000 beschäftigt sich Johannes Boltze in seinen Forschungsarbeiten mit Stammzellen. Er ist am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie als Arbeitsgruppenleiter tätig. In einem Interview definiert er Stammzellen und geht dabei besonders auf Stammzellen aus Nabelschnurblut ein. Außerdem macht er ausfühlich den Unterschied zwischen adulten und embryonalen Stammzellen deutlich und äußert sich zur Rolle des Staates in der medizinischen Forschung.

Was sind Stammzellen?
Stammzellen sind Elemente des Körpers. Man kann sie gewissermaßen als frühzeitliche Überbleibsel der Individualentwicklung betrachten. Diese Zellen sind in der Lage sich zu vermehren und in verschiedene Gewebe des menschlichen Körpers auszureifen. Der Körper kann diese Zellen sozusagen in Reserve halten, um in Notfallsituationen neues Gewebe entstehen zu lassen. Sie sind aber auch daran beteiligt, den Organismus intakt zu halten, indem sie beispielsweise in der Haut, dem Darm oder in der Haarwurzel ständig neue Zellen bilden.

Was ist das besondere an Stammzellen?
Das Besondere an Stammzellen ist ihre Fähigkeit, sich zu vermehren und gleichzeitig in spezielle Zellen und damit Gewebe zu differenzieren. Diese können dann wiederum entsprechende Funktionen übernehmen. Es gibt verschiedene Stammzellen, die sich in ihrer Verfügbarkeit und Qualität unterscheiden. Der Begriff “Stammzelle” ist also etwas ganz Allgemeines.

Können Sie die Arten kurz differenzieren?
Prinzipiell gibt es drei Typen von Stammzellen: Zum einen gibt es die embryonalen Stammzellen, die unmittelbar nach der Befruchtung vorkommen. Dann gibt es in der späteren Stufe der Entwicklung die so genannten fetalen Stammzellen, die im Fötus gefunden werden. Die sind meist schon organspezifisch, das heißt sie sind in ihrer Entwicklung festgelegt. Nach der Geburt stehen dann die adulten, die erwachsenen Stammzellen zur Verfügung. Diese können in größerer Zahl und recht einfach gewonnen werden, unterscheiden sich zu den fetalen Stammzellen aber deutlich in ihren Fähigkeiten.

Stichwort Nabelschnurblut: Könnten Sie kurz darauf eingehen, was das Besondere an Stammzellen aus Nabelschnurblut ist und welche Vorteile sie haben?
Das Nabelschnurblut ist die Quelle, aus der am frühesten adulte Stammzellen gewonnen werden können. Das Nabelschnurblut ist besonders reich an Stammzellen. Warum, das ist biologisch beziehungsweise medizinisch noch nicht vollständig geklärt. Die Gewinnung ist prinzipiell auch aus dem Knochenmark oder anderen Geweben möglich. Der Vorteil am Nabelschnurblut ist, dass es relativ einfach zur Verfügung steht und sehr gut und über längere Zeit kältekonserviert werden kann. So altert es nicht mit dem Organismus mit.

Das heißt, der große Vorteil von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ist, dass kein Alterungsprozess dieser Zellen einsetzt?
Das würde ich so nicht sagen. Das braucht eine differenzierte wissenschaftliche Erörterung, ist allerdings eine gute These. Zweifelsfrei ist das direkt nach der Geburt gewonnene Nabelschnurblut noch kaum schädigenden Umwelteinflüssen ausgesetzt. Normalerweise ist der Organismus – und damit auch seine Stammzellen – im Laufe seines Lebens ja beispielsweise von Virusinfektionen betroffen.

Wie sehen die Forschungsaktivitäten im Bereich Stammzellen aus Nabelschnurblut im Moment aus?
Nabelschnurblut wird zunehmend breiter beforscht. Für jede Krankheit, von der sich die Wissenschaft einen Erfolg in der Stammzelltherapie erhofft, wird auch mit Nabelschnurblut gearbeitet. Die daraus gewonnenen Ergebnisse sollen die klinischen Anwendungen optimieren.

Stichwort Embryonale Stammzellen: Brauchen wir die überhaupt?
Die embryonalen Stammzellen brauchen wir auf jeden Fall. Es ist sehr wichtig, Differenzierungs- und Zellvermehrungsprozesse zu verstehen. Die embryonalen Stammzellen sind dafür ein gutes Werkzeug. An diesen können wir die Vorgänge sehr gut und vergleichsweise schnell verstehen. Für die Forschung sind sie unerlässlich. Diese Art von Stammzellen steht aber für den Einsatz am Menschen momentan noch nicht zur Verfügung. Dafür gibt es die bekannten ethischen, aber auch einige medizinische Gründe. Daher sollten die Erkenntnisse aus den Untersuchungen auch auf adulte Stammzellen übertragen werden, um zu prüfen, ob sich ähnliche Erfolge erzielen lassen.

Welche Rolle spielen adulte Stammzellen heute in der Medizin?
Mit adulten Stammzellen wird schon seit langem therapiert. Beispiel hierfür sind verschiedene Blutkrebsarten, wie Leukämie. Das gesamte Potenzial der Stammzellen und die daraus abgeleitete Vision ist aber erst Ende der 80er, Anfang der 90er erkannt worden. Seitdem sind adulte Stammzellen nicht mehr nur Werkzeug, sondern auch Ausgangsmaterial für Zell-, Gewebe- oder Organersatz. Dieses gesamte Forschungsfeld bezeichnet man als ”Regenerative Medizin”.

Das Interview als Druckversion

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  1. [...] alle Leseratten jetzt noch eine frohe Botschaft – im Juli erscheint bereits die [...]

  2. [...] zeigten er und sein Team erfolgversprechende Effekte nach Transplantationen von Stammzellen aus Nabelschnurblut und [...]

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