Nabelschnurblut-Stammzellen immunologisch besser verträglich
Prof. Dr. med. Karl H. Welte beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Stammzelltransplantation. Im folgenden Teil unseres Gespräches erläutert der Abteilungsleiter der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie im Zentrum für Kinderheilkunde an der Medizinische Hochschule Hannover unter anderem die Einsatzfelder der Stammzellthearapie und erklärt, welche Vor- und Nachteile Nabelschnurblut als Quelle für körpereigene Stammzelle hat.
Welche Rolle spielen Stammzellen bei einer medizinischen Therapie?
Im Vorfeld einer Knochenmarktransplantation werden die blutbildenden Zellen des Empfängers vernichtet, weil diese krank sind, wie beispielsweise bei Leukämie oder bei Stoffwechselerkrankungen. Die defekten Blutzellen werden im Rahmen einer Chemotherapie oder Bestrahlung zerstört. Dabei werden auch immunkompetente Zellen (Anm. d. Red.: weiße Blutkörperchen beziehungsweise deren Vorläuferzellen, die für die Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind) geschädigt. Das bedeutet wiederum, dass der Körper des Patienten seiner Umgebung schutzlos ausgeliefert ist, denn es existiert dann kein funktionierendes Immunsystem mehr. Die transplantierten Stammzellen sollen nach einer solchen Behandlung helfen, dieses möglichst schnell wieder aufzubauen. Die Stammzellen müssen den Weg ins Knochenmark, der Produktionsstätte der Blutzellen, finden. Dies tun sie selbständig mit Hilfe von Adhäsionsmolekülen. Dort angekommen, beginnen sie sofort mit der Teilung und Differenzierung.
Welche Erkrankungen können mit Hilfe von Stammzellen behandelt werden?
Der klassische Anwendungsfall von Stammzellen in der medizinischen Therapie ist die Leukämie. Durch die Vernichtung des Knochenmarks per Chemotherapie oder Bestrahlung wird versucht, diese Krankheit noch intensiver zu behandeln. Im Anschluss ist jedoch eine Stammzelltherapie notwendig, um die Blutbildung des Patienten wiederherzustellen.
Eine ähnliche Therapie kommt auch bei der aplastischen Anämie (Anm. d. Red.: Knochenmark produziert keine Blutzellen) zum Einsatz. Zudem gehören solide Tumore, also Krebserkrankungen, zu den Anwendungsgebieten der Stammzelltherapie.
Die Stammzelltherapie ist für viele schwerkranke Patienten oft die letzte Hoffnung. Wie sind die Erfolgsaussichten?
Die Therapie von Krankheiten mit Stammzellen hat bisher viele Erfolge zu verbuchen. Allerdings sind die Ergebnisse der Behandlung abhängig von der Erkrankung. Bei Leukämie liegt die Heilungschance zum Beispiel bei 60 Prozent, bei der aplastischen Anämie bei 80 Prozent und bei Stoffwechselerkrankungen sogar bei fast 100 Prozent.
Sie haben beschrieben, wie und wo Stammzellen eines Spenders angewendet werden. Wann setzt man körpereigene Stammzellen ein?
Bei Krebserkrankungen des Knochens oder der Weichteile, besonders bei Kindern, werden autologe Transplantationen durchgeführt. Ziel ist, eine intensive Chemotherapie einzusetzen, um Tumore zu bekämpfen. Das Knochenmark und die Blutbildung selbst werden bei dieser Behandlung natürlich geschädigt. Deshalb wird das eigene Knochenmark vor der Bestrahlung entnommen, konserviert und nach der Behandlung wieder zugeführt. Da es durch diese Vorgehensweise möglich ist, das Knochenmark nach der Chemotherapie wieder aufzubauen, kann eine besonders intensive Bestrahlung des Patienten erfolgen.
Sie haben gerade einen Vorteil von Nabelschnurblut angesprochen: die bessere Verträglichkeit. Gibt es noch weitere?
Das Nabelschnurblut als Quelle von Stammzellen weist Vor- aber auch Nachteile auf. So sind die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut teilweise noch sehr jung und in ihrer Differenzierung noch nicht festgelegt. Zudem sind, wie schon gesagt, die Stammzellen aus Nabelschnurblut immunologisch besser verträglich, als die aus Knochenmark. Der Grund dafür ist, dass die Nabelschnurblutstammzellen und die Lymphozyten im Nabelschnurblut noch keine Infektionen erlebt haben und die Entwicklung von Infekt-bestimmten Abwehrzellen (Lymphozyten) noch nicht eingetreten ist. Nach der Geburt wird ein Kind mit vielen Krankheitserregern konfrontiert. Dagegen werden immunkompetente Zellen (spezifische Lymphozyten) gebildet, die jedoch auch gegen das Gewebe eines möglichen Empfängers reagieren können und eine Graft-versus-Host (Transplantat-gegen-Empfänger)-Erkrankung auslösen können. Die Stammzellen und die Lymphozyten aus Nabelschnurblut sind dagegen noch unberührt und werden deshalb besser vom Patienten toleriert, selbst wenn die Gewebsmerkmale nicht ganz übereinstimmen. Zudem ist die Lebensfähigkeit der Stammzellen eines Neugeborenen größer als die vergleichbarer Zellen eines Erwachsenen im mittleren Alter. Werden die Stammzellen einem noch sehr jungen Kind transplantiert, könnte das eine wichtige Rolle spielen. Anhand dieser biologischen Merkmale wären die Stammzellen aus Nabelschnurblut denen aus erwachsenem Knochenmark vorzuziehen.