Plazenta-Stammzellen haben einzigartige Eigenschaften
Dr. Lolie Yu, Professorin für Pädiatrie am LSU Health Sciences Center an der Universität New Orleans, erläutert im Interview, wie ein neues Verfahren mit Stammzellen aus der Plazenta Patienten mit Leukämie helfen kann. Sie hatte bei dem heute 8-Jährigen Quentin erstmals diese experimentelle Behandlung durchgeführt. Ein Video dazu können Sie hier sehen.
Was war bei Quentin denn das Problem und wie gefährlich war seine Erkrankung?
Dr. Lolie Yu: Bei ihm wurde ein frühes Stadium einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL) diagnostiziert, was die häufigste Form von Leukämie im Kindesalter ist. Zusätzlich zur Bestimmung des Leukämie-Typs führen wir Tests durch, um biologische Faktoren zu finden, die den Behandlungserfolg beeinflussen können. Quentin hatte eine Form der Leukämie, die hochriskant war. Ohne eine Transplantation und nur mit Chemotherapie beträgt die 2-Jahres-Überlebensrate bei dieser Form nur 20-25%.
Gibt es denn eine Alternative? Bevor die Behandlung mit Stammzellen möglich war, wie wurden Kinder mit diesem speziellen Leukämie-Typ behandelt?
Ohne eine Transplantation werden sie mit konventioneller Chemotherapie behandelt. Eventuell bekommt der Patient einen Rückfall und man versucht ihn dann wieder in Remission zu bringen. Wenn man sich rückblickend diese Patienten ohne Transplantation anschaut, gehen sie nich in Remission, und wenn, dann nur für sehr kurze Zeit. Die Leukämie kommt zurück und wahrscheinlich sterben sie an der Erkrankung.
Was haben Sie also in Quentins Fall getan?
Als er die Diagnose erhielt, was seine Mutter gerade schwanger. Und ich führte zu der Zeit eine Studie mit menschlichen Stammzellen aus der Plazenta und aus Nabelschnurblut durch. Also haben wir seine Mutter gefragt, ob sie bei der Geburt das Nabelschnurblut entnehmen lassen würde, und sie sagte ja. Zu diesem Zeitpunkt haben wir Quentin mit konventioneller Chemotherapie behandelt, um ihn in Remission zu bekommen. Als das Baby geboren wurde, haben wir das Nabelschnurblut entnommen und mit Hilfe der Celgene-Methode wurden zusätzlich Stammzellen aus der Plazenta gewonnen. Nach der Entnahme haben wir einige Untersuchungen gemacht, um festzustellen, ob genügend Stammzellen für eine erfolgreiche Transplantation vorhanden waren. Die Menge war gut, so dass wir mit der Transplantation beginnen konnten.
Wie wurde die Transplantation durchgeführt? Wir verabreichen Sie einem kleinen Jungen wie Quentin die Stammzellen?
Er hat zuerst eine Hochdosis-Chemotherapie und Ganzkörperbestrahlung erhalten. Dann hat er die Nabelschnurblut-Stammzellen als Infusion bekommen, direkt gefolgt von den Plazenta-Stammzellen. Er hat die Infusion recht gut vertragen und sich schnell wieder erholt, sogar eher als wir erwartet hatten.
Was bewirken die Stammzellen? Warum helfen sie? Was tun sie im Körper?
Durch die Hochdosis-Chemotherapie und die Bestrahlung versuchen wir, alle Leukämie-Zellen zu vernichten. Dabei greifen wir aber auch die gesunden Zellen im Knochenmark an. Ohne die Infusion von Stammzellen würde sich der Körper nicht erholen. Die Stammzellen müssen von einem möglichst passenden Spender stammen, damit sie nicht abgestoßen werden und gut anwachsen können. Sobald die neuen Zellen angewachsen sind, produzieren sie gesunde Blut- und Immunzellen und vernichten hoffentlich übrig gebliebene Leukämiezellen.
Werden die Zellen direkt in seinen Blutkreislauf injiziert?
Ja, das ist wie eine Bluttransfusion.
Wie sind die Ergebnisse bei Quentin? Ist er krebsfrei? Wie schnell ging das?
Als erstes müssen wir wissen, dass er das Transplatat nicht abstößt, das nennen wir Anwachsen. Das Anwachsen der Nabelschnurblut-Zellen dauert normalerweise zwischen 14 und 42 Tagen. In seinem Fall dauerte es keine 14 Tage. Wir konnten ihn bereits 17 Tage nach der Transplantation aus dem Krankenhaus entlassen.
Ist er jetzt krebsfrei? Wo ist er jetzt?
Wir haben ihn in den ersten 100 Tagen nach der Transplantation eng überwacht, danach monatlich, später 3-monatlich. Zwei Jahre nach der Transplantation gelten die Patienten in der Regel als geheilt. Er hat zwei Jahre geschafft.
Wie bewerten Sie die Stammzelltherapie insbesondere für Kinder mit dieser speziellen Leukämieform?
Ich möchte eines verdeutlichen: diese Therapie kann bei allen Formen von Leukämie und jedem Patienten angewendet werden. Das kann ALL, die Quentin hatte, oder auch AML sein. Es sieht aufgrund von Forschungen und ersten klinischen Studien so aus, dass menschliche Plazenta-Stammzellen die Nabelschnurblut-Stammzellen vermehren und damit das Anwachsen vereinfachen. Außerdem haben menschliche Plazenta-Stammzellen einzigartige Eigenschaften, die auch bei dem sog. Graft vs. Leukämie Effekt nützlich sein können. Ich denke, das ist sowohl für Patienten als auch diese Studie von großer Bedeutung.
Ist das wie bei anderen Transplantaten auch, nicht jedes Geschwisterkind ist ein passender Spender? Da ist auch etwas Glück mit im Spiel, oder?
Das ist richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geschwister ein passender Spender ist, beträgt zwischen 25% und 35%. Bei Quentin war es seine einzige Schwester. Wir haben schon vor ihrer Geburt herausgefunden, dass sie ein passender Spender war. Das war für ihn und seine Familie sehr gut.
Wie glücklich sind Sie, wenn Sie ihn heute sehen?
Oh! Ich bin ungemein erfreut. Wenn ich ihn sehe, der erste Patient, der diese Therapie bekommen hat, und es geht ihm so gut, das zeigt uns, dass wir wirklich mit der Forschung weitermachen sollten. Hoffentlich kann diese Therapie einmal bei jedem Patienten, der es braucht, angewendet werden.
Quelle: WCTV.tv