Nur wenige Einrichtungen können Nabelschnurblut fachgerecht lagern
Im zweiten Teil unseres Interviews mit dem geschäftsführender Direktor der italienischen Nabelschnurblutbank Sorgente gibt Roberto Marani weitere Einblicke über die Verhältnisse in Italien hinsichtlich der Einlagerung von Nabelschnurblut. Interessant ist vor allem die vergleichsweise hohe Zahl an Nabelschnurblutbanken – insgesamt sind es 23. Zudem erfährt man im Interview, wie die italienische Bevölkerung dem Thema Nabelschnurblut gegenübersteht und welche Potenziale Marani im Nabelschnurblut selbst sieht.
In Deutschland ist es in fast jedem Krankenhaus möglich, Nabelschnurblut bei der Geburt zu entnehmen und einlagern zu lassen. Wie ist die Situation in dieser Hinsicht in Italien?
In Italien ist es ähnlich. Die Entnahme von Nabelschnurblut an sich ist eine einfache Angelegenheit. Das Problem liegt allerdings darin, dass es nur wenige Einrichtungen gibt, die Nabelschnurblut fachgerecht lagern können.
Nur fünf Prozent des weltweit verfügbaren Nabelschnurblutes wird bei der Geburt entnommen und eingelagert. Wie ist diesbezüglich der Prozentsatz in Italien?
In Italien liegt die Zahl bei etwa 4,9%, aber ich gehe davon aus, dass diese Zahl steigen wird, da das öffentliche Interesse an der Einlagerung von Nabelschnurblut kontinuierlich wächst.
Gibt es neben Sorgente noch andere private Nabelschnurblutbanken in Italien? Wenn ja, wie würden Sie das Wettbewerbsumfeld beschreiben?
Insgesamt gibt es 23 private Nabelschnurblutbanken in Italien. Unsere Firma zeichnet sich jedoch durch Eigenschaften aus, über die andere Unternehmen nicht verfügen – wir haben also durchaus das Zeug dazu, Marktführer zu werden. Mir ist keine andere italienische Firma bekannt, deren medizinischer Direktor an der medizinischen Fakultät in Harvard tätig ist. Abgesehen davon verfügt Sorgente über ein sehr starkes Kommunikationsmodell.
Auf welchen Wegen informieren Sie die Bevölkerung über die Einsatzmöglichkeiten von Nabelschnurblut? Wie sieht Ihre Kommunikationsstrategie aus?
Wir nutzen verschiedene Kommunikationswege. Wir publizieren zum einen Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften, zum anderen nutzen wir natürlich auch das Internet und ein medizinisches Netzwerk in ganz Italien. Wir organisieren auch Vorträge für werdende Mütter sowie medizinische Kongresse für Gynäkologen. Meiner Meinung nach schulden es Frauenärzte ihren schwangeren Patientinnen, sie über die Möglichkeit der Einlagerung von Nabelschnurblut aufzuklären. Eltern sollten in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen, die auf umfangreichen Informationen beruht, ganz egal, ob sie sich dafür entscheiden, das Nabelschnurblut ihres Kindes für den privaten Gebrauch oder im Rahmen einer Spende einlagern zu lassen.
Wie ist die italienische Bevölkerung zum Thema Nabelschnurbluteinlagerung eingestellt?
Die Italiener sind sich noch nicht ausreichend über die Einlagerung von Nabelschnurblut bewusst. Bislang sind nur grundlegende Informationen verfügbar, vor allem im Bezug auf den Unterschied zwischen der Einlagerung zum privaten Gebrauch und der öffentlichen Spende. Andererseits weiß man in Italien besser Bescheid, wenn es um den therapeutischen Nutzen von Stammzellen geht.
In Deutschland bieten Nabelschnurblutbanken Kombimodelle an, bei denen Eltern das Nabelschnurblut zwar für ihr Kind einlagern, aber im Bedarfsfall immer noch für einen anderen Menschen spenden können. Gibt es derartige Angebote auch in Italien?
Leider nicht. Wenn sich Eltern dafür entscheiden, das Nabelschnurblut ihres Kindes für den privaten Gebrauch einlagern zu lassen, müssen wir die Blutkonserve nach Deutschland bringen und sie dort einlagern lassen.
Gibt es auch in Italien bereits Fälle, in denen das Nabelschnurblut für eine Therapie zum Einsatz kam?
Soweit ich informiert bin, wurden in Italien bereits in etwa 700 Fällen aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen zu Therapiezwecken verwendet.
Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut in Zukunft weiterentwickeln?
Unser wissenschaftlicher Direktor könnte diese Frage sicher besser beantworten, schließlich bin ich kein Mediziner. Ich glaube aber, dass die Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut in den kommenden Jahren relevanter werden wird. Zurzeit befinden sich viele Therapieansätze, die die Verwendung von Stammzellen beinhalten, noch in der Entwicklungsphase, und viele klinische Studien sind noch nicht abgeschlossen. Andererseits haben sich Stammzellen im Rahmen vieler medizinischer Behandlungen als hilfreich erwiesen, beispielsweise bei der Behandlung von Diabetes, was ja bekanntlich eine der am weitesten verbreiteten Krankheiten ist. Natürlich ist Diabetes nicht die einzige Krankheit, die mit Hilfe von Stammzellen behandelt werden kann, zu nennen sind beispielsweise auch Parkinson, Alzheimer, neurologische Erkrankungen und Leukämie. Ich hoffe, dass es in Zukunft noch weitere Anwendungsmöglichkeiten für Stammzellen gibt und dass die Zahl der Stammzelltransplantationen steigt. Allerdings ist es schwierig, die Zukunft der Stammzellforschung genau vorherzusagen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Hier geht es zum ersten Teil des Interviews: http://www.nabelschnurblut-experten.de/nabelschnurblut-bereich-mit-grossem-potenzial/1695