Nabelschnurblut ist zu kostbar, um es einfach zu entsorgen
Im letzten Teil unseres Interviews mit Dr. Tobias May spricht der Wissenschaftler, der im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung arbeitet, darüber, wie wichtig die Vervielfältigung der Zellen gerade für die Forschung ist und erklärt abschließend, welche Bedeutung er dem Thema Nabelschnurblut für Wissenschaft und Medizin beimisst.
Warum ist die Vervielfältigung von Zellen von so großem Interesse?
Für uns steht der Einsatz solcher Zellen in der Wirkstoffentwicklung im Mittelpunkt ebenso wie die Grundlagenforschung. Nun könnte man argumentieren, dass Körperzellen aus Menschen sich besser eignen würden. Doch das ist leider so nicht ganz richtig – da gibt es ein technisches Problem. Primäre Körperzellen (Anm. d. Red.: Zellen, die direkt aus einem lebenden Organismus gewonnen werden) haben ein begrenztes Wachstumspotenzial. Sie können sich nur eine bestimmte Zeit lang vermehren - die Zahl der Teilungen hängt vom Zelltyp ab. Damit ist die Materialverfügbarkeit limitiert und die damit verbundene, ständige Gewinnung dieser Zellen ist aufwendig und schwierig. Dann, so könnte man meinen, wären Zelllinien ein gute Alternative. Sie teilen sich durch ständig aktive Expressionsgene nahezu unendlich und werden deshalb oft und gerne in der Zellkultur verwendet. Jedoch spiegeln diese Zellen die Situation im Körper nicht genau wider, das können eben nur Primäre Zellen. Deshalb ist es wichtig, diese zu vermehren, um mit ihnen Forschung zu betreiben.
Lässt sich diese Art der Vermehrung auch auf Stammzellen aus Nabelschnurblut anwenden?
Ja – das ist komplett flexibel und für jede Zellart machbar. Es hängt nun davon ab, wer in dieses System investieren möchte, und es ist eine gewisse Zeit nötig, um die Technik dem Zelltyp anzupassen. Wir haben derzeit einen anderen Fokus – den der Wirkstoffentwicklung – weshalb wir die Vermehrung von Nabelschnurblut-Stammzellen nicht praktizieren.
Was halten Sie persönlich von der Konservierung von Nabelschnurblut? Sei es nun zum Zwecke der Forschung oder der Gesundheitsvorsorge.
Ich finde, es ist eine sehr sinnvolle Sache, das Nabelschnurblut aufzubewahren. Denn es ist viel zu kostbar, um es einfach zu entsorgen, und für die Forschung ein unerlässlicher Partner. Die Therapie mit Nabelschnurblut erachte ich es für eine sehr interessante Option. Inwieweit diese erfolgreich sein wird, muss sich aber noch herausstellen.