Nabelschnurblut wird für die Therapie von Hirnschäden eingesetzt

Nabelschnurblut - Prof. Arne JensenErst kürzlich machte Prof. Arne Jensen mit der ersten Anwendung von Nabelschnurblut bei einem Kind mit Hirnschaden von sich reden. In der Bochumer Klinik forscht der Arzt schon lange an Therapiemöglichkeiten gegen durch Sauerstoffmangel bedingte Schäden des Gehirns. Die experimentellen Untersuchungen mit Nabelschnurblut zeugten von großem Potenzial – mit der ersten Anwendung wurde aber vorsichtig erst in drei Jahren gerechnet. Durch Zufall ergab sich nun doch die erste Behandlung des kleinen Patienten mit seinem eigenen Nabelschnurblut im Februar dieses Jahres – hier stehen die Ergebnisse aber noch aus. Im dritten Teil der Interviewreihe mit Prof. Arne Jensen erklärt er, warum tiefgehende Untersuchungen im Labor zwingend nötig sind, bevor der Einsatz am Patienten gewagt werden kann.

Entwickeln sich die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut zu Nervenzellen?
Das hatten wir zunächst angenommen, konnten es aber im Experiment nicht nachweisen. Was wir sagen können ist, dass die transplantierten Zellen aus dem Nabelschnurblut Botenstoffe freisetzen können. Dabei könnte es sich um Wachstumsfaktoren oder chemotaktische Substanzen (lösen die Wanderung von Zellen aus – Anm. d. Red.) handeln. Diese Moleküle regen vielleicht die ruhenden Zellen vor Ort zu vermehrter Aktivität an. Ein anderer Punkt könnten auch freigesetzte anti-entzündliche Substanzen sein. Diese stoppen Entzündungen und könnten so zur schnelleren Regeneration mancher Funktionen des Gehirns beitragen. Dies ist bis jetzt aber nur Spekulation. Sicher ist, dass vom Grundsatz her auch sekundäre Einflüsse der Nabelschnurblutzellen die geschädigte Hirnregion beeinflussen und so neuromotorische Funktionen verbessern können.

In den USA wurden bereits einige Kinder, die an Hirnschäden litten, mit Nabelschnurblut behandelt. Wie lange wird es bei uns noch dauern, bevor diese Therapie beim Menschen angewandt werden kann?
Das sind Behandlungsversuche, die keine wissenschaftliche Grundlage haben. Hier wurde Nabelschnurblut transplantiert – ohne dass kontrollierte Studien vorliegen. Vor einem solchen Vorgehen kann ich nur warnen. Denn bevor eine Therapie am Menschen eingesetzt werden kann, muss eine klinische Untersuchung stattfinden. In dieser muss die Wirksamkeit der Behandlung zweifelsfrei bewiesen und umgekehrt ebenso eine Schädigung ausgeschlossen werden. Wir arbeiten daran, verlässliche experimentelle Daten zu gewinnen, um die Voraussetzung für eine klinische Studie zu schaffen.

Wann rechnen Sie bei uns mit den ersten klinischen Studien?
Ich denke, dass dieser Schritt in drei Jahren gegangen werden kann, vorausgesetzt, die finanzielle Unterstützung zur Durchführung einer klinischen Studie wird bereitgestellt. Es werden also noch viele Jahre vergehen, bis wir verlässlich wissen, ob die erfolgreichen Ergebnisse aus dem Tiermodell sich am Menschen bestätigen lassen.

Warum verwenden Sie keine Stammzellen aus Knochenmark für Ihre Untersuchungen?
Ein wichtiger Faktor ist die Verfügbarkeit: Für uns als Geburtshelfer ist es sehr viel plausibler, das Blut aus der Nabelschnur zu benutzen, da es nach der Geburt nicht gebraucht wird und sonst verworfen würde. Außerdem ist die Gewinnung der Stammzellen aus dem Knochenmark komplizierter als aus der Nabelschnur.

Also würde es sich für die Forschung anbieten, dass das Nabelschnurblut bei jeder Geburt gesammelt wird, oder?
Unter dem Gesichtspunkt, dass die Forschung in großer Bewegung ist und auch an verschiedensten Stellen schon erfolgreiche Konzepte erkennbar sind, ist das natürlich eine rationale Forderung, die aber sicher zu weit geht. Wir sind aber natürlich für jede Nabelschnurblutspende dankbar, die der Forschung zur Verfügung gestellt wird.

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