Nabelschnurblut: “klinische Anwendung weltweit erfolgreich”

Nabelschnurblut - Dr. Volker JacobsDer Gynäkologe und Stammzellexperte an der Technischen Universität München, Dr. med. Volker R. Jacobs, hat sich interdisziplinäre Forschungsarbeit auf die Fahnen geschrieben. Die Begeisterung für die medizinische Wissenschaft begann schon früh und hält bis heute an. Im Interview gibt der Arzt und Wissenschaftler Einblicke in gegenwärtige und zukünftige Anwendungen von Nabelschnurblut und beurteilt die Forschungslandschaft in Deutschland.

Sie haben schon mehrere Forschungsprojekte mit Stammzellen durchgeführt. Was fasziniert Sie an diesen Zellen? Stammzellen (dazu zählen auch die aus Nabelschnurblut) sind besonders interessant, da an ihnen wichtige Regelungs- und Steuermechanismen untersucht werden können. Forscher arbeiten weltweit daran, das ”Wunderwerk” Stammzelle zu verstehen. Neue Erkenntnisse und Entdeckungen haben immer einen besonderen Reiz für Wissenschaftler. Im Hinterkopf habe ich dabei immer die Hoffnung, langjährige Probleme zu lösen, besonders in Hinblick einer immer älter werdenden Gesellschaft und der Zunahme degenerativer Erkrankungen. Bisher konnten wir Mediziner oft nur mit Medikamenten und Physiotherapie helfen. Die Vorstellung ist jedoch, dass Stammzellen irgendwann ihren Beitrag dazu leisten. Doch wir müssen geduldig sein, denn Ergebnisse aus der Forschung lassen sich nicht von heute auf morgen auswerten und umsetzen. Wir Forscher zeigen mit unseren Ideen Wege zum Horizont. Das heißt, wir untersuchen die Möglichkeiten und bestätigen oder widerlegen dann einen Forschungsansatz. Viele interessante Publikationen kommen derzeit aus Asien und insbesondere China, da diese Länder in ihrer Forschung auch mit embryonalen Stammzellen weniger beschränkt sind. Die wissenschaftliche Dynamik ist dort sehr groß, es wird viel in Forschung investiert und bringt deshalb auch viele Publikationen hervor.

Von 2002 bis 2005 haben Sie im Rahmen des so genannten STEMMAT-Projektes Grundlagenforschung zu Stammzellen aus Nabelschnurblut durchgeführt. Wofür steht STEMMAT? Das STEMMAT-Projekt wurde von Professor Wintermantel vom Zentralinstitut für Medizintechnik (ZIMT) der Technischen Universität München in Garching initiiert. Der Begriff STEMMAT ist eine Wortneubildung – zusammengesetzt aus den zwei Wortstämmen ”STEM cell” und ”MATerial”. Denn das Projekt vereint die Eigenschaften von Stammzellen mit den Zusammenhängen der Materialforschung. Mehrere Universitäten, Industrie- und Forschungspartner und auch der Freistaat Bayern arbeiteten dafür im Rahmen eines interdisziplinären multizentrischen Forschungsverbundes zusammen. Einen wichtigen Anteil hatten wir mit der Frauenklinik der Technischen Universität in München, denn viele Mütter, die dort entbunden haben, stellten und stellen uns Nabelschnur und -blut nach der Geburt für Forschungszwecke zur Verfügung. Isoliert wurden nicht nur die Stammzellen aus dem Blut, sondern auch aus dem Gewebe der Nabelschnur, um sie im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte näher zu untersuchen.

Was waren die Ergebnisse des STEMMAT-Projekts? Das STEMMAT-Projekt war primär auf die Grundlagenforschung an adulten Stammzellen ausgerichtet und brachte vielfältige Fortschritte in allen Untersuchungsgebieten hervor. So hat beispielsweise das Bayerische Rote Kreuz seine Einfrierprotokolle für Nabelschnurblutstammzellen optimieren können. In eine andere Richtung forschte die Arbeitsgruppe der Herz-Thorax-Gefäß-Chirurgie der Universität Regensburg. Sie fand heraus, dass Nabelschnur nach einer normalen Geburt – vereinfacht gesagt – gestresster ist als beispielsweise nach einem Kaiserschnitt. Somit eignen sich Nabelschnurgefäße zum Beispiel für eine Transplantationen eher als Nabelschnüre, die nach einem Kaiserschnitt zur Verfügung stehen. Hier an der Frauenklinik der Technischen Universität München konnten wir bestätigen, dass rauchende Mütter negativen Einfluss auf die Nabelschnurblut-Stammzellen ihrer Kinder haben. Über 30 wissenschaftliche Publikationen wurden von den unterschiedlichen Arbeitsgruppen bisher veröffentlicht, um unsere Erkenntnisse und Erfahrungen mit anderen weltweit zu teilen. Wir hoffen, damit unseren Beitrag zum besseren Grundlagenverständnis von Stammzellen aus Nabelschnurblut und Nabelschnur geben zu können.

Das STEMMAT-Projekt war Teil der Gesundheitsinitiative ”BayernAktiv”. Wie wichtig ist staatliche Unterstützung für die Forschung? Staatliche Unterstützung ist aus zwei Gründen wichtig. Zum einen kann sich Grundlagenforschung nicht selbst finanzieren, da am Ende kein fassbares Produkt entsteht, das verkauft werden kann, um so die entstandenen Forschungskosten wieder hereinzuholen. Forscher sind also auf Gelder vom Staat für die Grundlagenforschung wie zum Beispiel die Stammzellforschung angewiesen. Ein anderer Grund ist, dass die Forschung und die Einlagerung von Stammzellen auch als eine Form der erweiterten Gesundheitsvorsorge angesehen werden kann – deren Nutzen aber derzeit noch nicht endgültig definiert ist. Im Laufe der Jahre könnten sich weitere Anwendungsmöglichkeiten entwickeln und etablieren. Die Forschung und auch Evaluation zur Nutzung von eingelagerten Stammzellen sollten deshalb von staatlicher Seite im Sinne einer erweiterten Gesundheitsvorsorge gefördert werden. Das Gesundheitssystem selbst in Deutschland verfügt nicht über diese Ressourcen, um eine zukünftige Verwendung von Stammzellen zu planen und abzusichern und so eine Eigenvorsorge bereits heute zu unterstützen. Hier könnte auch aus staatlicher Sicht überlegt werden, wie Bürgern ein Anreiz gegeben werden kann, privat für ihre Gesundheit vorzusorgen.

Sie haben für einen Kongress 52 Anwendungsfälle von privat eingelagertem Nabelschnurblut weltweit im Zeitraum von 1993 bis 2004 analysiert. Zu welchen Ergebnissen sind Sie dabei gekommen? Wir konnten in unserer Untersuchung nachweisen, dass in dem Zeitraum weltweit in 52 Fällen Stammzellen aus privat eingelagertem Nabelschnurblut klinisch angewandt wurden. Wir haben die Ergebnisse auf dem Kongress der International Society of Stem Cell Research (ISSCR) in San Francisco präsentiert. Die Fragestellung entstammte der oft auftretenden Skepsis, ob privat eingelagertes Nabelschnurblut auch angewendet wird. Wir konnten dokumentieren, dass dem tatsächlich so ist und die Stammzellen zur Behandlung verschiedenster Erkrankungen eingesetzt werden. Dabei war die Bandbreite der Indikationen sehr weit. Überraschend waren die Erkenntnisse, dass die Blutkonserven mehr für nahe Verwandte und Familienmitglieder als für den eigentlichen Spender verwendet wurden.

Sie erwarteten, dass autologe Anwendungen überwiegen werden. Warum?
Das hat mit der Abstoßung des Körpers von fremden Zellen zu tun. Die ist bei einer Inkompatibilität des HLA-Status (Anm. d. Red.: HLA – human leucocyte antigen, auf der Oberfläche von Körperzellen, wird vom Immunsystem erkannt) möglich. Wenn das eingelagerte Nabelschnurblut im Ernstfall auf den Spender zurück übertragen wird, gibt es natürlich keine Abstoßungsreaktion, aufgrund der identischen Gewebeeigenschaften. Wenn das Nabelschnurblut bei anderen Personen angewendet wird, ist die Chance, dass es zu einer Immunreaktion kommt, höher. Die Gewebemerkmale müssen aber nicht exakt übereinstimmen, leichte Abweichungen sind möglich. Deswegen führt eine Behandlung mit Stammzellen bei Verwandten wahrscheinlicher zum Erfolg, als es bei einer Person außerhalb des Familienkreises der Fall wäre.

Wo sehen Sie aktuell und zukünftig Anwendungsgebiete für Nabelschnurblut? Es ist spannend, dass Nabelschnurblut die Antwort auf Fragen ist, die wir bisher nur zum Teil oder noch gar nicht gestellt haben. Es erschließt sich ein immer breiteres Spektrum der Anwendungsgebiete. Im Internet gibt es eine Liste aus Amerika, auf der 73 verschiedene Erkrankungen stehen, die erfolgreich mit Nabelschnurblut behandelt werden konnten. Das heißt, dass die Indikationen für Stammzellen aus Nabelschnurblut nach und nach entdeckt werden müssen. Ich wäre nicht überrascht, wenn in Zukunft noch eine ganze Reihe weiterer Krankheiten mit Nabelschnurblut behandelbar sein wird.

Wie schätzen Sie die Forschungslandschaft in Deutschland ein?
In Bezug auf die Forschung insbesondere mit embryonalen Stammzellen tut sich Deutschland recht schwer – zumindest im Vergleich zu Nachbarländern, wie beispielsweise Spanien, England oder Schweden. Die Akzeptanz der Stammzellforschung ist dabei auch von den gesellschaftlichen und politischen Vorgaben abhängig. Natürlich müssen ethische Belange berücksichtigt werden, die aber in diesem Land oft sehr dogmatisch vertreten werden. Einige Rahmenbedingungen, die die Arbeit mit embryonalen Stammzellen hierzulande einschränken, sind für Forscher schwer nachzuvollziehen, so dass sie ins europäische Ausland gehen müssen, um dort diese in Deutschland illegale Forschung durchzuführen. Es gibt in Deutschland viele ”Berufene”, die mit der Wissenschaft nicht vertraut sind, sich aber dennoch in jede Stammzelldiskussion einmischen, um die Meinungshoheit zu behaupten und – so habe ich den Eindruck – Forschern gerne vorschreiben wollen, was sie tun dürfen und was nicht. Sicherlich ist eine noch bessere Kommunikation über unsere Arbeit und die Ergebnisse in die Öffentlichkeit wichtig, aber um in der Entwicklung von neuen Therapien vorwärts zu kommen, sollte den Wissenschaftlern ein gewisses Vertrauen von der Öffentlichkeit und den gesellschaftlichen Gruppen entgegengebracht und Freiräume für innovative Forschungsarbeit geschaffen werden. Dies würde ich mir wünschen.

Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.

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