Nabelschnurblut versus Therapeutisches Klonen
Vor einigen Jahren hatten südkoreanische Forscher berichtet, dass es ihnen erstmals gelungen sei, embryonale Stammzellen durch so genanntes therapeutisches Klonen herzustellen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die vermeintlichen Erfolge gefälscht waren. Trotzdem arbeiten weiterhin Forscherteams an ähnlichen Projekten. Wir sprachen mit Dr. med. Eberhard F. Lampeter, Arzt und Gründer der privaten Nabelschnurblutbank VITA 34, über embryonale Stammzellen und das therapeutische Klonen.
Was sind eigentlich embryonale Stammzellen?
Nach der Befruchtung beginnt sich die Eizelle zu teilen, so dass innerhalb von vier bis fünf Tagen eine Zellkugel entsteht. Aus den äußeren Zellen bilden sich später Plazenta und Nabelschnur. Aus der inneren Zellmasse entwickelt sich der Mensch. Diese inneren Zellen nennt man embryonale Stammzellen. Da sie sich in jede Zellart des Körpers entwickeln können, sind sie natürlich interessant für die Wissenschaft. Allerdings führt die Gewinnung der embryonalen Stammzellen zur Zerstörung des Embryos. Daher ist diese Art der Stammzellgewinnung in Deutschland verboten.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang therapeutisches Klonen?
Da embryonale Stammzellen nicht vom Patienten selbst stammen, sondern von einem bei der Entnahme zerstörten Embryo, kommt es, wenn man sie medizinisch einsetzen will, zu gefährlichen Abstoßungsreaktionen. Wenn wir unsere eigenen embryonalen Stammzellen hätten, sähe die Situation anders aus. Allerdings stehen uns solche Stammzellen nicht mehr zur Verfügung, da sie sich schon im Mutterleib in andere Zellarten umgewandelt haben. Deshalb gibt es die Überlegung, durch so genanntes therapeutisches Klonen künstlich eigene embryonale Stammzellen herzustellen.
Wie funktioniert das?
Man entnimmt dem Menschen, für den man embryonale Stammzellen herstellen möchte, eine Körperzelle. Zum Beispiel aus der Haut. Aus dieser Zelle wird der Zellkern mit der Erbinformation isoliert und dann in eine gespendete Eizelle eingebracht, der zuvor der Zellkern entnommen wurde. Dadurch versucht man, die innere biologische Uhr des Zellkerns zurückzudrehen. Das Erbgut soll vergessen, welche Entwicklung es hinter sich hat, und sich wieder wie das Erbgut eines Embryos verhalten, damit sich die Eizelle zu teilen beginnt. Dann erhält man nach ein paar Tagen eine Zellkugel, aus der man die embryonalen Stammzellen gewinnen kann. Stammzellen, die unsere eigene Erbinformation enthalten.
Das klingt ja relativ einfach…
Nein, das ist es überhaupt nicht. Das Problem ist, dass man die Natur überlisten muss. Solche Verfahren sind daher sehr aufwändig und haben auch nur eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit. Nach dem heutigen Kenntinsstand würde man vermutlich hundert gespendete Eizellen benötigen, um überhaupt eine sich teilende Eizelle zu entwickeln. Nur aus dieser können embryonale Stammzellen gewonnen werden. Offen ist auch, ob die Stammzellen überhaupt für die erhofften Anwendungen ausreichen. In jedem Fall bedeutet, dass man für das therapeutische Klonen vermutlich Dutzende gespendete Eizellen benötigen würde.
Aber das Verfahren könnte funktionieren?
Das ist noch nicht geklärt, denn es gibt noch weitere offene Fragen. Beim therapeutischen Klonen stammt die Erbinformation aus dem künstlich eingepflanzten Zellkern. Es gelingt aber offenbar nicht vollständig, die biologische Uhr des Erbguts zurückzudrehen. Das beste Beispiel dafür ist das Klonschaf Dolly. Bereits im Alter von fünf Jahren litt Dolly an den altersbedingten Gebrechen ihrer doppelt so alten genetischen Mutter. Anders sieht es dagegen mit Nabelschnurblut-Stammzellen aus. Diese werden zum Zeitpunkt der Geburt gewonnen. Das ist der Moment, wo wir beim Menschen mit dem Zählen des Alters beginnen. Sie sind also viel jünger als durch Klonen hergestellte embryonale Stammzellen.
Außerdem hat sich in Tierexperimenten gezeigt, dass sich in bis zu 90 Prozent der Fälle gefährliche Krebsgeschwüre entwickelten, wenn solche embryonalen Stammzellen eingesetzt wurden. So ein Problem gibt es mit Stammzellen aus Nabelschnurblut nicht. Schon heute ist daher abzusehen, dass vieles, was wir uns von embryonalen Stammzellen versprechen, schneller und vielleicht sogar besser mit anderen Stammzellquellen wie Nabelschnurblut erreicht werden kann. Im Prinzip wirft die Arbeit mit embryonalen Stammzellen und das therapeutische Klonen also mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt.
Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.