Nabelschnurblut-Stammzellen verursachen keine ethische Konflikte
Nabelschnurblut-Stammzellen sind keine embryonalen Stammzellen: Dieses Vorurteil räumt Dr. Johannes Boltze, Arbeitsgruppenleiter am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie im Interview aus und geht auf die derzeitige Stammzellforschung ein.
Immer wieder sind die embryonalen Stammzellen in der Öffentlichkeit in der Diskussion. Es ist ganz oft so, dass adulte und embryonale Stammzellen dabei in einen Topf geworfen werden. Aus wissenschaftlicher Sicht: Was glauben Sie woran das liegt?
Das liegt an dem Begriff “Stammzelle“. Der ist markant und prägt sich ein. Die Unterscheidung zwischen embryonalen, fetalen und adulten Stammzellen setzt ein gewisses Fachwissen voraus. Da das nicht immer vorhanden ist, führt es oft zu Vermischungen, was sehr gefährlich sein kann. Denn daraus werden nicht nur falsche Schlüsse, sondern auch Hoffnungen generiert, die in dieser Form nicht zu erfüllen sind. Es bedarf einer gezielten Aufklärung und einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit von Spezialisten, um das zu realisieren.
Deutschland scheint konservativ gegenüber der embryonalen Stammzellforschung zu sein. Sehen Sie das ähnlich?
Das sehe ich ähnlich. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Forschung mit embryonalen Stammzellen ein ethisches Problem darstellt. Dieses muss zufrieden stellend gelöst werden, bevor wir in der Lage sind, liberaler daran zu forschen. Es gibt Länder mit anderen Auffassungen, wie Schweden oder Großbritannien, in deren Rechtssystemen das keine Schwierigkeit darstellt. Es ist für die Zukunft wichtig, dass Juristen, Ethiker und Forscher enger zusammenarbeiten, um vernünftige Richtlinien zu finden, die ein sauberes Arbeiten ermöglichen. Auf keinen Fall dürfen menschliche Embryonen nur für die Forschung erschaffen werden.
Hat die im April 2008 beschlossene Lockerung des Stammzellgesetzes Einfluss auf Ihre Arbeit?
Auf unsere Arbeit relativ wenig, da wir mit adulten Stammzellen arbeiten. Natürlich verfolgen wir die Forschungsaktivitäten. Und neben den menschlichen Stammzellen gibt es auch die Arbeit mit tierischen Stammzellen, auch embryonalen Stammzellen. Sie unterscheiden sich in ihren wesentlichen Eigenschaften kaum von denen des Menschen. Nur im Bereich der therapeutischen Anwendungen gibt es gravierende Unterschiede, da ein Einsatz am Menschen derzeit erhebliche medizinische Probleme mit sich brächte.
Was glauben Sie, wo die Stammzellforschung künftig hingehen wird?
Die Stammzellforschung wird weiter an Intensität zunehmen. Für immer mehr Krankheiten wird ein potenzieller Nutzen aus den Stammzellen gewonnen werden. Und es wird hoffentlich in naher Zukunft immer mehr Konzepte geben, um die Forschungsergebnisse vom Labor auf das Krankenbett zu übertragen. Diese Entwicklung wird sich sehr interessant gestalten.
Wie stehen Sie als Wissenschaftler zur Einlagerung von Nabelschnurblut?
Ich finde die Einlagerung ist positiv zu bewerten. Egal ob autolog oder allogen [als Eigenvorsorge oder als Spende, Anm.d.Red.]. Nabelschnurblut sollte als wertvolle Zellquelle zur Verfügung stehen, um zukünftige, potenzielle Therapien anwenden zu können. So wie es bei Leukämie schon der Fall ist.
Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.