Nabelschnurblut-Stammzellen heilen Jungen mit Aplastischer Anämie

Nabelschnurblut - Prof. Dr. Karl WelteProf. Dr. med. Karl H. Welte, Abteilungsleiter der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie im Zentrum für Kinderheilkunde an der Medizinische Hochschule Hannover, vereint die Rollen von Arzt und Forscher in einer Person. Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt für Blut- und Krebskrankheiten leitet er den Sonderforschungsbereich für Zytogene (Zellhormone). Im Rahmen seiner täglichen Arbeit als Kinderarzt konnte er 2005 die deutschlandweit erste Transplantation mit privat eingelagertem Nabelschnurblut durchführen. Im Interview stellt er den Fall und seine Forschungsaktivitäten vor.

Seit wann werden an der Medizinischen Hochschule Hannover Stammzelltransplantationen durchgeführt?
Bereits seit 1984 führen wir Transplantation mit Stammzellen durch. Lange Zeit galt die Entnahme von Stammzellen aus dem Knochenmark der Spender – durch eine Punktion des Beckenknochens – als Nonplusultra. Die entnommenen Zellen wurden gesammelt und in einer Art Blutbeutel aufbewahrt, bis ihr Einsatz notwendig war. Die Stammzellen wurden dann an den Empfänger schließlich mittels einer Infusion übertragen. Besonders wichtig war dabei, dass die Gewebemerkmale der Stammzellen von Spender und Empfänger möglichst gut übereinstimmten.

Wie lange dauert eine solche Gewinnung von Stammzellen?
Der Entnahmeprozess dauert bei Stammzellen aus Knochenmark einige Stunden. Genauer gesagt: Wenn ein Liter Knochenmarks-Suspension von einem Erwachsenen gewonnen werden soll, nimmt das – abhängig von der Kompetenz des Arztes und der gewünschten Zellanzahl – eine Zeitspanne von etwa zwei bis vier Stunden in Anspruch.

Wie schnell regeneriert sich der Körper nach einer Punktion?
Der Stammzellverlust kann nach dem Eingriff schnell ausgeglichen werden. Ursache dafür ist, dass die Stammzellen vor allem aus dem Beckenknochen entnommen werden. Daneben gibt es jedoch auch Reservoirs in den Oberschenkelknochen, dem Schädelknochen, der Wirbelsäule oder dem Brustbein. So gewährleistet der Körper selbst, dass kein Mangel an Stammzellen entsteht.

Sie haben 2005 bei einem kleinen Jungen zum ersten Mal privat eingelagertes Nabelschnurblut eingesetzt. Wie gestaltete sich dieser Krankheitsfall?
Der Junge war an einer aplastischen Anämie erkrankt, das heißt sein Körper produzierte keine roten und weißen Blutzellen mehr. Der Tod des Jungen in Folge einer Infektion war nicht auszuschließen. Eine zusätzliche Gefahr bestand im Mangel an Thrombozyten, die in einem gesunden Menschen für die Blutgerinnung zuständig sind. All dies machte eine Stammzelltransplantation notwendig. Dabei konnten wir auf das eingelagerte Nabelschnurblut seines Bruders zurückgreifen. Die Entscheidung das Nabelschnurblut des Geschwisterkindes zu verwenden, wurde von der Mutter wesentlich mit getragen, da sie sich gezielt für den Einsatz der Stammzellen aus Nabelschnurblut entschied. Die Zellzahl war jedoch nicht ganz ausreichend, deshalb haben wir zusätzlich Knochenmark des Bruders entnommen. Beide Proben wurden anschließend kombiniert und durch eine Infusion verabreicht. Danach verbrachte der Junge lediglich zwei Monate in der Klinik. Seine Blutbildung konnte sich nach seiner Entlassung innerhalb von einem Jahr vollständig regenerieren. Heute ist er geheilt und wohl auf.

Können bei der Therapie der aplastischen Anämie auch autologe Stammzellen eingesetzt werden?
Generell wird bei genetisch bedingten Erkrankungen auf Stammzellen fremder Spender zurückgegriffen und bei erworbenen Krankheiten besteht die Möglichkeit einer autologen Transplantation. Die aplastische Anämie kann sowohl angeboren sein als auch nach einer Infektion ausbrechen. Im Fall unseres Patienten lag eine erworbene aplastische Anämie vor, deshalb wäre hier eine Transplantation von körpereigenen Stammzellen prinzipiell möglich gewesen, aber wegen der geringen Zahl der noch im Körper vorhandener Stammzellen nicht durchführbar.

Wie sieht die Betreuung Ihres kleinen Patienten drei Jahre nach dem Eingriff aus?
Wir betreuen den Jungen auch heute noch in unserer Klinik. Dort führen wir halbjährlich Nachkontrollen mit ihm durch. Nach einem Zeitraum von drei Jahren ohne Symptome kann allerdings davon ausgegangen werden, dass der Patient vollständig geheilt ist.

Was ist die Ursache dafür, dass diese Therapieform bisher nur ein Einzelfall geblieben ist?
Im Prinzip ist die Behandlung, die dem Jungen zu Teil wurde, jederzeit wiederholbar. Allerdings wird bisher noch nicht genügend Nabelschnurblut eingelagert. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass einem erkrankten Kind das eigene konservierte Nabelschnurblut zur Verfügung steht, gering. Deshalb sollten Geburtskliniken stärker motiviert werden, auch die Spende von Nabelschnurblut der Neugeborenen an Nabelschnurblutbanken zu fördern. Dazu könnte vor allem die Anerkennung der Einlagerung im Rahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge beitragen. Dies zu erreichen, ist eine gemeinschaftliche Aufgabe der Gesundheitspolitik, des Bundesministeriums für Forschung und der Krankenkassen.

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2 Kommentare
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  1. [...] Prof. Dr. med. Karl Welte schildert im Interview die medizinischen Aspekte des Falls. Lesen Sie hier mehr. November 5, 2008 | abgelegt unter Allgemein, Nabelschnurblut: Hightech und Handarbeit, [...]

  2. [...] Parkinsonscher Erkrankung behandelt werden. Dazu werden ihnen in den Versuchen autologe (eigene) Stammzellen transplantiert. Bei Erfolg ist eine Übertragung der Methode auf den Menschen eventuell möglich. [...]

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