“Nabelschnurblut-Stammzellen entfalten erstaunliche Effekte”

Nabelschnurblut-BoltzeLymphome, solide Tumore, Blutbildungsstörungen – die Liste der mit Stammzellen erfolgreich behandelten Erkrankungen wird immer länger. Künftig sollen Stammzellen auch Schlaganfall-Patienten helfen. Dazu kooperiert VITA 34 mit der Universität Leipzig und dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI). Im Interview erläutert der Arzt Johannes Boltze vom IZI den aktuellen Stand.

Sie forschen seit mehreren Jahren auf dem Gebiet des Schlaganfalls. Wie häufig sind eigentlich Schlaganfälle?
Der Schlaganfall gehört zu den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie bilden gemeinsam mit Krebs und Diabetes die häufigsten Erkrankungen und Todesursachen in Deutschland und der westlichen Welt. Nach aktuellen Erhebungen treten in Deutschland jährlich zwischen 165.000 und 250.000 Schlaganfälle auf. 40% aller Patienten versterben im ersten Jahr nach dem Schlaganfall, während weitere 64.000 dauerhaft pflegebedürftig werden. Neben den daraus entstehenden, schweren Einschränkungen für die Betroffenen ist mit dem Schlaganfall eine enorme Belastung der Sozialsysteme verbunden. Die Behandlungskosten allein in Deutschland werden auf jährlich 7 Milliarden Euro geschätzt.

Auch heute wird der Schlaganfall ja bereits behandelt. Wie geht man dabei vor?
Bisherige Behandlungsstrategien beschränken sich vornehmlich auf die Minderung der Schlaganfallfolgen.
Eine entscheidende Rolle dabei spielt die Physiotherapie. Direkte Behandlungsmöglichkeiten gibt es nur wenige – das wichtigste etablierte Verfahren ist die sogenannte Thrombolyse. Dabei wird versucht, den Gefäßverschluss, also den Thrombus, der den Schlaganfall verursacht hat, mit Hilfe von Medikamenten aufzulösen. Im Erfolgsfall kann das durchaus zur Rückbildung der Schlaganfallsymptomatik führen. Theoretisch könnte vermutlich jeder sechste oder siebente Patient auf diese Weise behandelt werden, allerdings ist nur jeder dreizehnte Patient tatsächlich rechtzeitig im Krankenhaus.

Was verspricht man sich von der Stammzelltherapie und wie sind die Ergebnisse?
In den letzten Jahren wurde im Tierexperiment mehrfach ein positiver Effekt durch die Gabe von Stammzellen beobachtet. Obgleich ein gezielter Ersatz von Hirngewebe derzeit noch nicht möglich ist, entfalten Stammzellen erstaunliche Effekte: Nervengewebe kann offensichtlich vor dem Untergang bewahrt werden, wenn die Stammzelltherapie rechtzeitig erfolgt. Wir haben beispielsweise festgestellt, dass durch die Gabe von Stammzellen die Größe des geschädigten Hirnareals verringert wird. Außerdem konnten ausgefallene Bewegungsleistungen regeneriert werden. Auf Basis von tierexperimentellen Studien gehen wir von einem Zeitfenster von etwa 72 Stunden für die Behandlung des Schlaganfalls mit Stammzellen aus. Zum Vergleich: Die Wirksamkeit der Thrombolyse ist auf die ersten drei Stunden nach Eintreten eines Schlaganfalls beschränkt. Danach lässt die Effektivität des Verfahrens drastisch nach, während die Komplikationen stark ansteigen. Auch mit neuen Medikamenten lässt sich das Zeitfenster nur auf etwa viereinhalb Stunden ausdehnen. Hier bietet die Stammzelltherapie einen deutlichen Vorteil. Durch die Verabreichung von Stammzellen können zudem die natürlicherweise nach einem Schlaganfall ablaufenden Prozesse im Gehirn beeinflusst werden. Dabei wird das hirneigene Potenzial zur Neuorganisation der Nervenverbindungen unterstützt. Obwohl die grundlegenden Mechanismen dieser Phänomene noch nicht vollständig aufgeklärt sind, spielen Stammzellen dabei offenbar eine entscheidende Rolle.

Auf welche Stammzellarten setzen Sie bei Ihren Untersuchungen?
Viele der vorhin genannten Ergebnisse haben wir mit Nabelschnurblut-Stammzellen erzielt. Wir setzen jedoch noch eine Vielzahl weiterer interessanter Zellpopulationen ein wie zum Beispiel solche aus Knochenmark. Embryonale Stammzellen verwenden wir jedoch nicht. Interessanterweise haben wir festgestellt, dass spezialisierte neuronale Stamm- und Vorläuferzellen im Rahmen der derzeit realisierbaren Anwendungen wahrscheinlich keine signifikanten Vorteile bieten, obwohl sie auf den ersten Blick geeigneter erscheinen. Nabelschnurblut und dessen ”erwachsener Bruder” Knochenmark funktionieren in unseren Untersuchungen mit vergleichbarer Effizienz. Der Vorteil von Nabelschnurblut ist, dass die Zellen dauerhaft in einem, vereinfacht ausgedrückt, jugendlichen Stadium konserviert werden können. Knochenmark steht zwar zeitlebens zur Verfügung, unterliegt jedoch Alterungsprozessen. Deshalb halten wir Nabelschnurblut für eine ausgesprochen interessante Option bei der Therapie des Schlaganfalls.

Wann könnten tatsächlich die ersten Schlaganfall-Patienten behandelt werden?
Wir arbeiten derzeit an der Konzeption einer klinischen Studie, die die Machbarkeit, Sicherheit und Effektivität von körpereigenen Stammzellen untersuchen soll. In diesem Fall würden wir Knochenmark verwenden, da es noch keine Schlaganfall-Patienten mit eigenem Nabelschnurblut gibt. Wir hoffen auf erste Ergebnisse innerhalb der nächsten fünf Jahre. Bis dahin wollen wir die Effizienz der Stammzelltherapie in Langzeitexperimenten untersuchen. Parallel dazu analysieren wir die zellulären und molekularen Grundlagen des therapeutischen Erfolges. Wenn wir das besser verstehen, können wir zukünftige Therapien bereits jetzt gezielt optimieren. Dies werden unsere Schwerpunktziele der nächsten Jahre sein.

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