“Nabelschnurblut-Stammzellen bewirken Neubildung von Gefäßen”

Nabelschnurblut-SteinhoffJährlich erleiden in Deutschland rund 250.000 Menschen einen Herzinfarkt. In etwa einem Viertel aller Fälle verstirbt der Patient an den Folgen. Neue Hoffnung verspricht die Stammzelltherapie. Aktuelle Forschungsergebnisse haben Wissenschaftler der Universität Rostock jetzt in Zusammenarbeit mit VITA 34 in der Fachzeitschrift der Europäischen Herzchirurgen ”Cardiovascular Research” veröffentlicht. Lesen Sie dazu ein Interview mit Professor Gustav Steinhoff, Direktor der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie der Universität Rostock.

Was ist das Hauptproblem bei einem Herzinfarkt?
Herzgewebe wächst nicht nach. Ist es einmal etwa durch einen Infarkt beschädigt oder zerstört, kann das Herz nur noch mit verminderter Kraft weiterarbeiten. Für stark beschädigte Organe gab es bislang nur eine effektive, aber auch mit Risiken und Unwägbarkeiten behaftete Therapie: Die Transplantation.

Was können Stammzellen an dieser Situation ändern?
Unsere Forschungsergebnisse belegen, dass zerstörtes oder beschädigtes Herzgewebe nachwachsen kann, und zwar mit Hilfe der Stammzelltherapie Das zeigt eine von uns durchgeführte Reihe von Experimenten, deren Ergebnis jetzt veröffentlicht wurde. Wir haben nachgewiesen, dass menschliche Stammzellen tatsächlich an der Regeneration von Herzen beteiligt sind, die durch Infarkte in ihrer Funktion beeinträchtigt waren.

Wie zeigt sich das?
Wir haben mehrere Tests mit speziellen Labormäusen durchgeführt. Den Versuchstieren mit Infarkt-Herzen wurden menschliche Stammzellen aus Nabelschnurblut injiziert. Die Ergebnisse fielen eindeutig aus: Nach einem bestimmten Zeitraum war in den Tieren menschliche DNA nicht nur in Knochenmark, Leber und Milz nachweisbar, sondern auch im Herzen. Das Ergebnis fiel umso überzeugender aus, als in Tieren ohne geschädigtes Herz keinerlei Veränderung feststellbar war.

Ganz deutlich war die Wirkung der Stammzellen in den beschädigten Herzen zu erkennen. Denn in mit Stammzellen behandelten Herzen waren die Infarkte deutlich kleiner als in den Herzen, die ebenfalls beschädigt waren, aber nicht mit entsprechenden Stammzellen behandelt wurden. Einen ähnlichen Effekt konnten wir auch in Bezug auf die Blutgefäße des Herzens feststellen. Die Nabelschnurblut-Stammzellen waren an der Neubildung von Gefäßen in schlecht durchblutetem Gewebe beteiligt und bewirkten eine größere Dichte von Kapillaren.

Zusammengefasst zeigen diese Ergebnisse, dass sich Stammzellen aus Nabelschnurblut zu dem durch Infarkt geschädigten Herz bewegen und zur Wiederherstellung von zerstörtem Gewebe beitragen.

Sie arbeiten an der Universität Rostock nicht nur an Tierversuchen, sondern behandeln bereits Patienten mit Stammzellen, die aus deren eigenem Knochenmark gewonnen wurden. Wie werten Sie die bisherigen Ergebnisse?
Unsere Forschungsergebnisse mit Nabelschnurblut bestätigen die Ergebnisse anderer Studien über die Anwendung der Stammzelltherapie bei der Reparatur des Herzens. Die weltweit ersten Studien mit Knochenmarkzellen nach Herzinfarkt wurden in Deutschland schon 2001 durchgeführt. In Düsseldorf wurden erstmals nach akutem Herzinfarkt Knochenmarkzellen in das Infarktgefäß über einen Herzkatheter injiziert.

In Rostock haben wir 2001 weltweit erstmals aus dem Knochenmark isolierte Stammzellen bei einer Bypassoperation direkt in den durch Infarkt geschädigten Herzmuskel injiziert. Bei den bisher 40 behandelten Infarkt-Patienten konnte die Herzfunktion im Schnitt langfristig um fünf bis zehn Prozent verbessert werden. Die Sicherheit dieser Verfahren wurde inzwischen auch in anderen Zentren in klinischen Studien überprüft und bestätigt.

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer weiteren Arbeit.

Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.

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