“Körpereigenes Material wird gut toleriert”

Nabelschnurblut - Zellen zählen

In der Forschungsgruppe um Dr. Alexander Kaminski von der Universitätsklinik Rostock konnten mit Zellmaterial aus Nabelschnurblut die ersten Erfolge in der Stammzelltherapie erzielt werden. Die Wissenschaftler arbeiten daran, die Pumpleistung des Herzens nach einem Herzinfarkt zu verbessern. Im Tierexperiment nutzten sie dafür die vielversprechenden Nabelschnurblut- Stammzellen. Im Interview geht der Herzchirurg und Forscher näher auf seine Arbeit ein.


Welche Funktionen haben Stammzellen im menschlichen Körper?

Stammzellen dienen der Regeneration von Geweben und Organen, indem sie sich zu spezifischen Zellen entwickeln können. Darüber hinaus besitzen sie die Fähigkeit, durch Zellteilung wieder neue Stammzellen hervor zu bringen.

Wie konnten Sie nachweisen, dass die Stammzellen für die verbesserte Pumpleistung verantwortlich sind?
Es gab neben den Patienten, die eine Injektion mit Stammzellen erhalten haben, auch eine Kontrollgruppe, die nicht mit Stammzellen therapiert wurde. Die beiden Gruppen haben sich nach der Behandlung bezüglich der Durchblutung der Region und der Pumpfunktion des Herzens deutlich voneinander unterschieden. Die abschließende Sicherheit, dass die beobachteten Effekte auf die Stammzellen zurück zu führen sind, werden Vergleichsstudien bringen, bei denen den Patienten ein Placebo gespritzt wird.

Was genau tut die Stammzelle an der betreffenden Region im Herzen?
Wir geben der Stammzelle durch die Injektion den Platz vor, an dem sie ihr Potenzial entfalten soll. Dazu braucht sie bestimmte Signale. Einfach gesagt, braucht die Stammzelle am Herzen das Signal ”hier ist zu wenig Durchblutung”. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen entwickeln sich die Stammzellen dann zu Blutgefässen. Dass sich tatsächlich auch neue Muskelzellen bilden, können wir derzeit aus unseren Daten nicht wissenschaftlich belegen. Daher müssen wir bei der Auswahl der Patienten darauf achten, dass bei ihnen eine Durchblutungsstörung am Herzen vorliegt.

Sie setzen bei Ihrer Therapie ausschließlich körpereigene Stammzellen ein. Warum?
Körpereigene Stammzellen werden von den Patienten sehr gut toleriert. Das Immunsystem stößt sie nicht ab. Dadurch können Transplantationen durchgeführt werden, ohne dass zusätzlich das Immunsystem gehemmt werden muss. Ein weiterer Vorteil bei körpereigenem Material ist die Organisation der Transplantation: Zwischen der Entnahme und der Transplantation liegen meist nur wenige Stunden und die Zellen sind schon ”vor Ort”.

Wie viele Patienten haben Sie mit dieser Methode schon behandelt?
Bei 130 Patienten waren die Kriterien für eine Therapie mit Stammzellen vorhanden. 40 von ihnen dienten als Kontrollgruppe. Bei den restlichen 90 haben wir die Stammzellpräparate injiziert. Bei uns ist die Therapie mit Stammzellen nach einem Herzinfarkt also wirklich schon klinischer Alltag. Seit 2001 liegen uns dazu Ergebnisse vor. Die Krankenkassen vertrauen unserer Therapie und bezahlen die Behandlung.

Sie sprechen Kriterien an, die ein Patient erfüllen muss, damit er für die Therapie mit Stammzellen in Frage kommt. Welche sind das?
Patienten sollten eine durchblutungsbedingte Herzkrankheit haben, unter 80 Jahre alt sein und nicht an einer Virusinfektion oder einem Tumor leiden. Denn der Marker, der sich auf den von uns gesuchten Stammzellen befindet, ist auch auf einigen Tumorzellen. Hier könnte es zu einer künstlichen Verschleppung der Krebszellen aus dem Knochenmark in das Herz kommen, was natürlich unserem Anliegen völlig zuwider laufen würde.

Gibt es neben der Universität Rostock andere Kliniken, die diese Therapie anwenden?
Ja, es gibt weltweit einige Kliniken, die eine solche Therapie durchführen. Der Patient sollte sich aber vorher genau informieren, welchen Zelltyp er transplantiert bekommt und auf welchem Wege sie an die betreffende Stelle gelangen – in diesen Punkten unterschieden sich die einzelnen Kliniken.

Welche Visionen haben Sie als Arzt in Bezug auf Stammzellanwendungen der Zukunft?
Ich finde es nicht gut, wenn in diesem Zusammenhang von einer ”Wunderwaffe” gesprochen wird. Es ist wichtig, realistisch zu bleiben. Aber ich glaube daran, dass wir eines Tages alle Faktoren für eine positive Stammzellentwicklung kennen und uns diese dann zu Nutze machen können. Der beste Ansatz ist immer, wenn sich Vorgänge im Körper zum Vorbild genommen werden. Wir sollten diese nicht grundlegend verändern. Aber wenn wir sie verstanden haben, können wir sie so beeinflussen, dass von uns gewünschte Effekte auftreten.

Das Interview als Druckversion finden Sie hier.

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