Nabelschnurblut: Kommentar der Redaktion zur Stammzelldiskussion
Seit Tagen wird in den Medien die Hoffnung geschürt, schon bald eine Therapie gegen ”Alzheimer, Parkinson oder auch Diabetes” (Welt-Online vom 5. Februar 2009) in den Händen zu halten. Der Grund dafür ist eine neue Methode, um an Stammzellen zu gelangen, die embryonalen sehr ähnlich sind – die so genannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen).
”Embryonale Stammzellen haben die Fähigkeit, alle rund 200 Zelltypen im Körper auszubilden: Auf ihnen ruht die Hoffnung der Medizin, menschliches Gewebe nachzüchten zu können, und so schwere Krankheiten wie Parkinson zu heilen”, schrieb die Münsterländische Volkszeitung ebenfalls am 5. Februar 2009 und Bild.de schickte einen weiteren Vorteil ins Rennen: ”Sie werden vom Körper nicht abgestoßen.” Viele Medien widmeten sich daraufhin dem ”Neustart der Lebensuhr” (Der Westen am 5. Februar 2009) und dem ”Königsweg des Heilens” (Welt-Online vom 6. Februar 2009). Auslöser dieses ”Stammzellforschungs-Hypes” war eine Veröffentlichung im Fachmagazin ”Cell”. Das Sensationelle dabei: Mithilfe nur noch eines Faktors – genannt Oct-4 – gelang es der Arbeitsgruppe um Prof. Hans Schöler vom Max Planck Institut für Molekulare Biomedizin in Münster, Nervenzellen durch Reprogrammierung in iPS-Zellen zu verwandeln. Frühere Arbeiten auf diesem Gebiet – die Premiere gelang dem japanischen Wissenschaftler Shinya Yamaka im Jahr 2007 – benötigten vier Gene, zwei davon zählen zu den Krebsgenen.
Bei allem Respekt vor dieser wissenschaftlichen Leistung, steht doch der allseits verkündeten Heilung von Krankheiten noch einiges im Wege:
Das in die Zellen eingebrachte Gen könnte viralen Ursprungs sein – so wie bereits in vorangegangenen Experimenten. Ein Virus als ”Genfähre” zu benutzen, ist jedoch bedenklich, da sich dessen Genom in das der Zielzelle integrieren könnte. Das wiederum kann das Expressionsmuster der Zelle verändern und ihre Arbeit aus dem Gleichgewicht bringen, was schlussendlich Krebs hervorrufen könnte (Financial Times vom 7. Februar 2009). Eine weitere Hürde ist die Masse an Zellen, die für eine Stammzell-Therapie nötig sind. Mit Schölers Methode ist es nicht möglich, eine ausreichend große Zellmenge zu produzieren, da die Reprogrammierung zu lange dauert und nicht effizient genug ist (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Februar 2009). Und so fantastisch es ist, dass Schölers iPS-Zellen die gleichen Eigenschaften wie die ”originalen” Stammzellen aus dem Embryo aufweisen, so gefährlich ist es auch. Denn embryonale Stammzellen differenzieren nicht nur in Nerven-, Herz-, sowie Keimbahnzellen, sondern auch in Tumorzellen. Abgesehen davon, dass die Gewinnung von embryonalen Stammzellen ethisch nicht vertretbar ist und daher in Deutschland verboten, ist es eben diese Tumorneigung – das heißt die Gefahr der Krebsentstehung – warum sie nicht an Menschen angewendet werden, selbst wenn sie aus dem eigenen Körper stammen.
Realistisch für einen Einsatz am Patienten sind derzeit nur adulte Stammzellen, wie sie in fast jedem Organ des Menschen zu finden sind, zum Beispiel in Nabelschnurblut, Knochenmark, Darm, Haut oder Leber (www.nabelschnurblut-experten.de). Dabei weisen die Stammzellen aus Nabelschnurblut ganz besondere Vorzüge auf. Denn sie sind die jüngsten adulten Stammzellen – quasi der nächste Entwicklungsschritt nach embryonalen Stammzellen. Sie können sich ebenso in fast alle Gewebe unseres menschlichen Körpers entwickeln: hämatopoetische Stammzellen in Blut- und Immunzellen, die mesenchymalen in Muskel-, Knorpel-, Knochen- und Bindegewebszellen – die Forschung entdeckt zudem ständig neue bislang unbekannte Stammzellen im Nabelschnurblut. Die Erfolge in der Therapie mit Nabelschnurblut-Stammzellen sprechen für sich.
Stammzellen aus dem Nabelschnurblut wären zwar auch ein idealer Ausgangspunkt für die Reprogrammierung in iPS-Zellen – wenn es denn einmal sicher und effizient funktioniert. (Schöler im Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 12. Februar 2009) ”Je primitiver eine Zelle ist, desto leichter kann man sie in den Embryonalzustand versetzen”, sagt auch der Stammzellforscher Miodrag Stojkovic aus Valencia. (Süddeutsche Zeitung vom 6. Februar 2009). Doch kann Nabelschnurblut eben auch so wie die Natur es uns schenkt -Â und es steht reichlich zur Verfügung -Â eingesetzt werden.
Unser Fazit: Die Arbeiten von Prof. Hans Schöler sind ein großer Schritt für die Stammzellforschung. Mit seiner Methode können embryonale Stammzellen ”hergestellt” werden, ohne dass ein Lebewesen dafür sterben muss. Die rückprogrammierten Zellen sind gute Studienobjekte für das Allgemeinverständnis der Zellentwicklung. Jedoch für die klinische Anwendung an Patienten ist diese Methode (noch) nicht geeignet, dort sind adulte Stammzellen beispielsweise aus Nabelschnurblut nach wie vor die Hauptakteure. Aussagen über die Heilung von Krankheiten mit den Schölerschen iPS-Zellen sollten daher gut durchdacht werden, um in der Bevölkerung keine unerfüllbaren Hoffnungen zu wecken.
Bildquelle: Helmut J. Salzer, www.pixelio.de