“Nabelschnurblut ist nicht mit Viren infiziert – das wissen wir”

Nabelschnurblut - Dr. rer. nat. Dietmar EggerNabelschnurblut ist eine außergewöhliche Quelle für adulte Stammzellen, die in der Regenerativen Medizin eine immer breitere Anwendung finden. Dr. rer. nat. Dietmar Egger gibt einen Einblick in ihre Fähigkeiten und erklärt außerdem, wodurch die ungünstige Verwechslung mit embryonalen Stammzellen zustande kommt.

Was ist das Besondere an Stammzellen aus Nabelschnurblut?
Es gibt eine ganze Reihe von Besonderheiten. Ein wichtiger Punkt ist die Jugendlichkeit der Zellen. So benötigt man auf Grund der höheren Vermehrungsfähigkeit für eine erfolgreiche Transplantation etwa nur ein Zehntel des Volumens an Nabelschnurblut in Vergleich zu Knochenmark, also etwa hundert Milliliter Nabelschnurblut anstelle von etwa einem Liter Knochenmark. Eine weitere wichtige Tatsache ist, dass das Blut aus der Nabelschnur, im Gegensatz zu Knochenmark oder peripherem Blut, in der Regel nicht mit Viren infiziert ist. Und das ist bei einer Transplantation von großem Wert. Es gibt zum Beispiel ein Herpesvirus, mit dem ca. 60 Prozent der Erwachsenen infiziert sind, ohne es zu bemerken. Wird das Virus bei der Transplantation von Stammzellen auf einen Menschen übertragen, dessen Immunsystem durch eine Chemo- oder Strahlentherapie zerstört wurde, kann das tödlich enden. Bei der Suche nach einem passenden Knochenmarkspender gibt es noch das Zeitproblem. Denn die Suche nach Knochenmark oder Blutstammzellspendern nimmt sehr viel Zeit in Anspruch – Zeit, die die Betroffenen oftmals nicht haben! Nabelschnurblutpräparate hingegen sind innerhalb kürzester Zeit verfügbar. Das sind einige Gründe, warum gerade in den USA immer häufiger und in Japan schon heute bei etwa der Hälfte der gesamten Stammzelltransplantationen auf die Stammzellquelle Nabelschnurblut zurück gegriffen wird.

Warum werden Ihrer Meinung nach embryonale und adulte Stammzellen häufig in einen Topf geworfen?
Dass die zwei Arten in der Öffentlichkeit häufig verwechselt werden, ist ein von den Medien gemachtes Problem. Denn oftmals ist nur von ”Stammzellen” die Rede, ohne zu konkretisieren, um welche Art Stammzelle es sich dabei handelt. Viele Eltern, die noch unvertraut mit dem Thema sind, fragen uns dann, ob es rechtlich überhaupt erlaubt ist, Stammzellen einzulagern. Hier wird deutlich, dass besonders die ethische Problematik der embryonalen Stammzellen in Erinnerung geblieben ist, die nichts mit den Stammzellen aus Nabelschnurblut zu tun hat! Die Presse sollte in ihren Berichten tiefer gehen, um solche Fehlinformationen nicht an die Bevölkerung weiterzugeben. Denn Stammzelle ist nicht gleich Stammzelle! Ich würde mir wünschen, dass man wesentlich differenzierter darüber spricht. Aber selbst in der Wissenschaft werden oft unglückliche Verallgemeinerungen vorgenommen. Hier ist zwar die Unterscheidung in adulte und in embryonale Stammzellen üblich. Aber dass es auch bei adulten Stammzellen qualitative Unterschiede gibt, bleibt oftmals unbeachtet. Von ”adulten Stammzellen” wird sowohl bei Nabelschnurblut-Stammzellen gesprochen, als auch bei Stammzellen von einem z. B. 50-Jährigen Spender. Durch den Alterungsprozess, dem letztere ausgesetzt waren, ergeben sich jedoch eine Reihe von Unterschieden, denen durch die Verallgemeinerung keine Rechnung getragen wird.

Was ist neben den Stammzellen noch im Nabelschnurblut enthalten?
Das Wichtigste, zumindest aus heutiger Sicht, sind die hämatopoetischen, also die blutbildenden Stammzellen. Aber wir wissen, dass auch Stammzellen für andere Gewebe im Nabelschnurblut enthalten sind. Außerdem gibt es mit Sicherheit weitere Zellen, die wir bis zum heutigen Tag noch gar nicht kennen – und für die sich weitere Anwendungsmöglichkeiten in der Zukunft ergeben werden.

Wo sehen Sie denn künftig weitere Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut?
Im Augenblick liegt das Hauptaugenmerk auf Anwendungen bei hämatologischen Erkrankungen. Aber die Forschung geht weiter, sie befindet sich in ständiger Entwicklung und es ist abzusehen, dass die Einsatzmöglichkeiten von Nabelschnurblut stark zunehmen werden, wie die Entwicklung der letzten Jahre bereits gezeigt haben. Dabei wird der Einsatz in der Hämatologie oder Onkologie nur einer unter vielen sein.

Wenn Sie sagen, dass sich die Forschung noch in der Entwicklung befindet, warum sollen Eltern heute schon das Nabelschnurblut ihres Kindes einlagern lassen?
Man hört oft von Kritikern: ”Wartet noch zehn Jahre, dann gibt es genauere Ergebnisse”. Man muss aber bedenken, dass dann allen Kindern, die in diesen zehn Jahren geboren werden, dieser Vorteil verloren geht. Vielleicht wird nicht alles, was wir uns heute vorstellen, mit dem Nabelschnurblut zu realisieren sein. Dafür kommen aber andere Dinge dazu, die wir noch gar nicht kennen. Daher ist in jedem Fall zu einer Einlagerung zu raten.

Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.

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