“Nabelschnurblut ist für die Stammzelltherapie gut geeignet”

Nabelschnurblut - Dr. Alexander KaminskiStammzellen aus Nabelschnurblut können zur Therapie von Herzinfarkt-Patienten eingesetzt werden. Bisher ist der routinemäßige Einsatz jedoch nicht denkbar, da den Patienten noch kein eigenes Nabelschnurblut zur Verfügung steht. Herzchirurg Dr. Alexander Kaminski von der Universitätsklinik in Rostock erklärt im Interview, wie Stammzellen nach einem Herzinfarkt zur Regeneration eingesetzt werden.

Wo im menschlichen Körper befinden sich Stammzellen?
Stammzellen – also auch die aus Nabelschnurblut – sind prinzipiell überall im Körper vorhanden, auch im Nabelschnurblut von Neugeborenen. Der größte Stammzellpool befindet sich im Knochenmark. Von dort aus werden sie an die Stellen im Körper entsendet, an denen sie gebraucht werden. Die Signale, die zu der Aussendung führen, sind uns größtenteils bekannt, jedoch kennen wir noch nicht alle Details dieses Mechanismus. Wir konnten jedoch feststellen, dass sich direkt am menschlichen Herzen Stammzellen befinden, die nicht aus dem Knochenmark kommen und die am Herzen verweilen.

Sie verwenden Stammzellen, die auch im Nabelschnurblut enthalten sind, zur Behandlung von Herzinfarktpatienten. Wie muss man sich das vorstellen? Wenn ein Mensch einen Herzinfarkt erleidet, hat er eine Region im Herzen, die nicht mehr durchblutet wird. Ein Teil dieses Herzgewebes ist abgestorben und in der Randzone gibt es einen Teil, der sich in einem so genannten ”Winterschlaf” befindet. Die Randgebiete werden noch durchblutet, aber dieser Teil des Herzmuskels ist nicht mehr in der Lage, mit zu pumpen. Durch die geringere Pumpleistung ist die Lebensqualität des Patienten stark eingeschränkt. Bei den betroffenen Patienten haben wir Knochenmark (Anm.: aus Nabelschnurblut lassen sich auch Stammzellen separieren) aus ihrem Beckenknochen entnommen und daraus etwa fünf bis zehn Millionen Stammzellen separiert. Das Stammzellpräparat wurde dem Erkrankten dann im Rahmen einer Herzoperation wieder in die Region am Herzen injiziert, die sich im ”Winterschlaf” befindet.

Welche Ergebnisse konnten Sie mit dieser Therapie erzielen?
Wir konnten bei zwei Dritteln der Therapierten eine Verbesserung der Pumpfunktion beobachten. Die Region, die im ”Winterschlaf” lag, wurde deutlich besser durchblutet.

Sie sagten, am Herzen sind ganz natürlich bereits Stammzellen vorhanden. Warum treten diese nicht in Kraft? Das ist richtig, am Herzen befinden sich Stammzellen, aber nur in einer sehr geringen Anzahl. Wir können diese Zellen nachweisen, aber noch nicht gewinnen. Denn dazu müsste dem Patienten Herzmaterial entnommen werden, aus dem anschließend Stammzellen separiert werden, was bei einem lebenden Organismus einfach nicht möglich ist. Aber als wir zu Forschungszwecken Herzen untersucht haben, konnten wir feststellen, dass die Stammzellen am Herzengewebe den Marker tragen, den wir auch bei der Injektion einsetzen. Marker sind Rezeptoren. Sie befinden sich an der Oberfläche von Körperzellen. Durch die Rezeptoren können sie mit Geweben und anderen Zellen interagieren. Marker sind für unterschiedliche Zellarten typisch ausgeprägt. Auch bei den unterschiedlichen Stammzellentypen gibt es unterschiedliche Marker. Der Marker, der uns interessiert, ist der Marker CD133.

Was ist das Besondere an den Zellen mit dem CD133 Marker?
Wir konnten einen Zusammenhang zwischen diesem spezifischen Marker und bestimmten Eigenschaften nachweisen: Diese Stammzellen können sich in eine Blutzelle aber auch zu gewebetypischen Zellen entwickeln – das macht sie für uns so interessant. Ein weiterer Grund, warum wir diese Zellen verwenden, ist die langjährige Erfahrung, die es im klinischen Bereich dazu gibt. Denn bei der Knochenmarktransplantation oder bei Bluterkrankungen werden diese Stammzellen verwendet. Stammzellen mit dem Marker cd 133 weisen für uns daher einen hohen Grad an Sicherheit und Effektivität auf.

Finden sich im Nabelschnurblut Stammzellen mit diesem Marker? Ist die Therapie bei Herzinfarktpatienten auch mit Stammzellen aus Nabelschnurblut denkbar?
Ja, diese Zellen konnten wir auch im Nabelschnurblut nachweisen. Sie sind im Tierexperiment auch schon mit Erfolg angewendet worden. Unsere ersten Veröffentlichungen zum Thema Stammzelltherapie stützten sich genau auf das Zellmaterial, das aus Nabelschnurblut gewonnen wurde. Eine routinemäßige Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut beim Menschen findet aber noch nicht statt. Denn die Patienten, die wir behandeln, sind über 50 Jahre alt und können natürlich nicht auf solche Reserven zurückgreifen. Generell kann aber gesagt werden, dass sich die Nabelschnurblut-Stammzellen sehr gut eignen, da wir die regenerative Potenz etwas höher einschätzen, als von denen aus Knochenmark.

Sie sind Herzchirurg: Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt, sich mit Stammzellen zu beschäftigen? Das Interesse für die Therapie mit Stammzellen hat sich für mich aus den Grenzen, die sich uns täglich bieten und aus den Möglichkeiten, die sich in den letzten Jahren ergeben haben, entwickelt. In der Herzchirurgie kommt ein Arzt mit seinen technischen Methoden oftmals nicht weiter. Da wir es jedoch mit Gewebe zu tun haben, stellt die Zelltherapie eine enorme Hoffnung dar, über die Grenzen der Chirurgie hinweg zu gehen. Ich wollte beide Bereiche in meiner Person vereinen. Dazu habe ich Methoden gelernt, wie Stammzellen gewonnen und präpariert werden können.

Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.

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