Nabelschnurblut ist eine gute Quelle für die Stammzellforschung
Stammzellen aus Quellen wie Nabelschnurblut, Knochenmark oder anderen Geweben sind wichtige Forschungsobjekte für die Biologin Prof. Dr. Ursula Anderer von der Fachhochschule Lausitz in Senftenberg. Ihr Ziel ist die Herstellung von Knorpelmaterial, das die Geweberegeneration unterstützen soll. Im Interview erklärt die Wissenschaftlerin neben dem Begriff “Stammzelle” auch die Bedeutung von Nabelschnurblut in der Stammzellforschung.
Sie lehren an der Fachhochschule Lausitz Zellbiologie im Studiengang Biotechnologie. Was steht bei Ihnen zum Thema Stammzellen auf dem Lehrplan?
Schon im ersten Semester werden den Studenten Grundkenntnisse über Stammzellen vermittelt. Im konsekutiven Masterstudiengang (Anm. d. Red.: auf den Bachelor aufbauender Studiengang, Gegensatz: nicht-konsekutiv – Bachelor und Master unterscheiden sich in der Studienrichtung, so kann eine Doppelqualifikation erworben werden) liegt ein Schwerpunkt in der Zell- und Gewebekultur. Dabei wird Wissen über die Vielfalt von Stammzellen hinsichtlich Eigenschaften und Vorkommen vermittelt sowie deren Anwendung und Möglichkeiten für Forschung und Medizin.
Welche Rolle spielt die Stammzellforschung innerhalb der Zellbiologie?
Die Stammzellforschung gewinnt innerhalb der Zellbiologie eine immer größer werdende
Bedeutung. Durch vielfältige Studien gewinnen wir Einblicke in Zellteilungs- und Differenzierungsvorgänge in den verschiedensten Entwicklungsstadien eines Organismus. Diese Erkenntnisse helfen uns zu verstehen, wie Steuerungssysteme und Signalwege zum Beispiel bei Geweberegeneration, aber auch bei Tumorbildung funktionieren.
Es gibt verschiedene Arten von Stammzellen. Könnten Sie diese kurz definieren?
Der Begriff Stammzelle umfasst einen großen und vielfältigen Bereich, der sich nach Herkunft oder Differenzierungsmöglichkeiten der Stammzellen unterteilen lässt. Grundsätzlich wird zwischen embryonalen und adulten Stammzellen unterschieden. Embryonale Stammzellen werden nach der Befruchtung einer Eizelle aus der so genannten Blastocyste (Anm. d. Red.: Stadium in der frühen Embryonalentwicklung mit 32 bis 58 Zellen.) gewonnen und sind pluripotent. Das heißt sie können sich ausnahmslos in jede Zelle differenzieren. Adulte Stammzellen werden aus verschiedenen Geweben (auch aus Nabelschnurblut) des voll entwickelten Organismus gewonnen und sind multipotent. Demnach reifen sie ”nur” zu speziellen Zellarten. Sie kommen zum Beispiel im Nabelschnurblut eines Neugeborenen und im Knochenmark eines Erwachsenen vor. Das Knochenmark ist die Quelle von hämatopoetischen Stammzellen, die wiederum jede unserer Blutzellen bilden. Ein weiteres Beispiel sind mesenchymale Stammzellen. Sie können Gewebe, wie Knochen, Muskel oder Knorpel bilden. Sehr spezifische Stammzellen, die Gegenstand aktueller Forschungsprojekte sind und eine hohe Regenerationsfähigkeit vorweisen, gibt es auch in der Haut und im Gehirn.
Inwieweit sehen Sie Nabelschnurblut als wichtige Quelle für die Stammzellforschung?
In der Forschung sind besonders Zellen interessant, die sich oft teilen und demnach eine lange Lebensdauer haben. Zusätzlich sollten sie ein hohes Entwicklungspotenzial haben, unkompliziert und vor allem ethisch vertretbar gewonnen werden können. Alle diese Eigenschaften gepaart mit einer geringen Immunität vereinen Stammzellen aus Nabelschnurblut. Zudem sind sie die jüngsten adulten Stammzellen, die aus einem Organismus gewonnen werden. Aus diesen Gründen ist Nabelschnurblut eine wichtige Quelle für die Stammzellforschung.