“Nabelschnurblut ist die Stammzellquelle der kommenden Jahrzehnte”
Der Molekularbiologe Dr. rer. nat. Erich Kunert verantwortet den Kundenservices bei einer Nabelschnurblutbank. Als medizinisch-fachlicher Berater von werdenden Eltern, Ärzten und Hebammen, ist er der ideale Ansprechpartner bei allen allgemeinen Fragen zu Stammzellen aus Nabelschnurblut. Im Interview erklärt er, welche Bedeutung Nabelschnurblut hat und wo die derzeitigen Nachteile liegen.
Welche Bedingungen müssen eingehalten werden, dass Nabelschnurblut als Stammzellentransplantat verwendet werden kann?
Stammzellen aus Nabelschnurblut sind ein Arzneimittel, dass 100prozentig zuverlässig sein muss. Schließlich geht es bei seinem Einsatz oftmals um Leben und Tod. Deshalb bedarf es einer staatlichen Herstellungserlaubnis der Arzneimittelüberwachungsbehörde. Sie besagt unter anderem, dass jeder Herstellungsschritt genau dokumentiert werden muss und dass die Entnahme in der Klinik nur durch geschultes Personal erfolgen darf. Für uns bei VITA 34 heißt das: Um eine möglichst breite Abdeckung zu gewähren, mussten mit zirka 850 Kliniken in Deutschland Kooperationsverträge abgeschlossen werden. Inzwischen haben wir dort bereits 10.500 Ärzte und Hebammen geschult und die entsprechenden Verfahren von den Behörden genehmigen lassen.
Welche weitere Quelle für Stammzellen gibt es neben dem Nabelschnurblut?
Eine andere Möglichkeit, wie Stammzellen gewonnen werden können, ist aus Knochenmark. Dieses Verfahren gibt es schon viele Jahrzehnte: Im vorigen Jahr hat die Stammzellentransplantation aus Knochenmark ihren 50. Geburtstag gefeiert. Das Verfahren hat sich anfangs nur langsam durchgesetzt, ist mittlerweile aber sehr sicher geworden. Knochenmark wird meist im Rahmen einer Krebstherapie aus dem Hüftknochen von Spendern entnommen und nach einer Chemo- oder Strahlentherapie wieder eingesetzt.
Welche Unterschiede gibt es zwischen Stammzellen aus Knochenmark und Stammzellen aus Nabelschnurblut?
Nabelschnurblutstammzellen haben ganz einzigartige Eigenschaften: Sie sind durch den besonderen Schutz im Mutterleib frei von Viren und Krebszellen. Eine weitere Besonderheit ist ihre enorme Teilungsfähigkeit und ”Jugendlichkeit”. Wenn wir sie entnehmen, sind sie schließlich gerade einen Tag alt. Durch das Einfrieren wird diese ”Jugendlichkeit” über ein ganzes Jahrhundert erhalten. Die Stammzellen sind wie Dornröschen: Es schläft ein und wacht nach 100 Jahren genauso jung und schön wieder auf. Die eingelagerten Stammzellen können so, unbelastet durch Umwelteinflüsse und genetische Schäden, viele Jahrzehnte in ihrer ursprünglichen Form überdauern. Beim Knochenmark ist das natürlich ganz anders. Hier gibt es eine Reihe von Bedingungen, die sich negativ auf diese Stammzellen auswirken: Sie sind so alt wie der Patient selbst, haben im Laufe seines Lebens Infektionen mitgemacht und waren Umwelteinflüssen ausgesetzt. Stammzellen aus Nabelschnurblut sind da klar überlegen und ich bin sicher, dass Nabelschnurblut die Stammzellquelle der kommenden Jahrzehnte sein wird.
Denken Sie, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut irgendwann die aus Knochenmark vollständig ersetzen können?
Im Jahr 2007 gelang ein entscheidender Durchbruch beim Einsatz mit Stammzellen aus Nabelschnurblut. Bis dahin wurde Nabelschnurblut häufig nur als zweite Wahl nach Knochenmark eingesetzt. Dr. John Wagner aus den USA ist ein Pionier auf dem Gebiet von Nabelschnurblut-Stammzellen. Er hat 2007 eine Studie veröffentlicht, die beweist, dass Nabelschnurblut, dem Knochenmark deutlich überlegen ist. Gemessen wird das an der Anzahl der Menschen, die fünf Jahre nach der Behandlung erkrankungsfrei sind. Es konnte mit dieser Studie gezeigt werden, dass Nabelschnurblut tatsächlich besser wirkt als Knochenmark. Sobald das Problem gelöst wird, dass Stammzellen aus Nabelschnurblut in geringerer Menge zur Verfügung stehen, wird Knochenmark mehr und mehr aus der Therapie verschwinden.
Sie sprechen ein Handicap von Nabelschnurblut an: Es ist nur begrenzt vorhanden. Lässt sich dieses Problem tatsächlich lösen?
An der Vermehrung von Nabelschnurblutstammzellen im Labor arbeiten mehrere Gruppen in der Welt intensiv. Die ersten klinischen Studien laufen bereits. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann durch diese Anstrengungen dieses Handicap überwunden werden wird.
Das Interview in der Druckversion finden SIe hier.