“Nabelschnurblut für die Herstellung von Gewebeersatz nutzen”
Forscher, die sich mit Stammzellen beschäftigen, sind ständig auf der Suche nach unkomplizierten und zuverlässigen Quellen dieser “Alleskönner”. Nabelschurblut bietet einen solchen Pool von leicht zu gewinnendem, jungem und langlebigem Material. Aus diesem Grund möchte Prof. Dr. Ursula Anderer von der Fachhochschule Lausitz möglichst bald mit Stammzellen aus Nabelschnurblut arbeiten. Ihr Ziel ist die Herstellung von dreidimensionalem funktionsfähigem Gewebe aus Nabelschnur und Nabelschnurblut, um es im Rahmen der Regenerativen Medizin einzusetzen.
Ihr Forschungsprojekt ist in einem ganz neuen Bereich der Medizin angesiedelt, von dem man derzeit viel hört – dem Tissue Engineering. Was genau versteht man darunter?
Der Begriff ”Tissue Engineering” heißt wörtlich übersetzt: Gewebe herstellen. Inhaltlich äußerst sich das in der Zusammenarbeit von Biologen, Medizinern und Ingenieuren, deren Aufgabe es ist, ein vitales und funktionsfähiges Gewebe im Labor herzustellen. Damit kann beschädigtes oder ganz verlorenes Material im Körper eines Patienten regeneriert werden. Dabei ist es wichtig, dass die gezüchteten Zellhaufen in der Anwendung wirklich als Gewebe funktionieren und nicht nur so aussehen.
Welche Vorteile hat das ”Tissue Engineering” auf Basis eigener Zellen gegenüber der Transplantation von fremden Geweben?
Zellen aus dem Patienten zu entnehmen, sie aufzubereiten und wieder in den Spender einzusetzen, hat den Vorteil, dass das Immunsystem das Material als ”eigen” erkennt und nicht angreift. Bei normalen Transplantationen wie Niere oder Herz, muss ein passender Spender gefunden werden, bei dem eine Immunreaktion möglichst gering ist. Denn alles ”Fremde” was in den Körper eingebracht wird, erkennt das Immunsystem und will es zerstören – das ist nun mal seine Aufgabe. Der Patient ist demnach gezwungen, Zeit seines Lebens Medikamente, die das Immunsystem selbst unterdrücken, einzunehmen. Bei einer Transplantation von eigenen Zellen beispielsweise Nabelschnurblutstammzellen oder Geweben müssen solche Medikamente nicht genommen werden. Das ist die ideale Voraussetzung, um eine schnelle Regeneration herbeizuführen und den Patienten wenig zu belasten.
Wenn körpereigene Stammzellen für das Tissue Engineering besonders geeignet sind, dann sind Stammzellen aus Nabelschnurblut dafür ja geradezu prädestiniert, oder?
Sicher. Die Forschung mit Stammzellen aus Nabelschnurblut hat in den letzten Jahren einen großen Zuspruch gewonnen und gute Ergebnisse gebracht. Inzwischen konnten daraus verschiedenste Zelltypen im Labor gezüchtet werden, dabei sind nicht nur die hämatopoetischen, also blutbildenden Stammzellen interessant. Es konnten unter anderem Knochen, Knorpel und Fettzellen generiert werden. Die Stammzellquelle Nabelschnurblut ist auch deswegen besonders interessant, da sie sehr junge Zellen hervorbringt, die in Ihrer Entwicklung noch nicht festgelegt sind.
Wie beurteilen Sie die Forschungslandschaft im Bereich der Stammzellforschung in Deutschland im Vergleich zum Ausland?
Mit unserer Forschung an adulten Stammzellen fühlen wir uns in Deutschland sehr wohl. Dadurch, dass die Forschung mit embryonalen Stammzellen in Deutschland per Gesetz begrenzt ist, können Projekte mit adulten Stammzellen stärker gefördert werden. Es gab und gibt viele spezifische Forschungsvorhaben in denen inzwischen große Erfolge erzielt wurden. Ich persönlich bin Anhängerin der Forschung mit adulten Stammzellen, da diese im ausgewachsenen Organismus in vielfältiger Weise vorkommen. Dabei gilt es neue Stammzellen zu entdecken, schon bekannte zu isolieren und für eine klinische Anwendung in Betracht zu ziehen.
Göttinger Forscher haben herausgefunden, dass Hirsche als einzige bekannte Säugetiere Geweihknochen in einem relativ kurzen Zeitraum wieder vollständig wiederherstellen können und schreiben diesen Regenerationsprozess Stammzellen zu. Was bedeutet diese Erkenntnis für Ihre Arbeit und die Zukunft der Stammzellforschung?
Zunächst ist gerade bei Säugern nicht bekannt, dass Gewebe bei Beschädigung oder Verlust regeneriert werden kann. Schon aus diesem Grund sind die Ergebnisse der Göttinger Forscher interessant. Bei Hirschen ist die Nachbildung der Geweihknochen ein periodischer Prozess und eignet sich somit ideal zur Erforschung von Steuerungs- und Vermehrungsmechanismen. Zudem ist es eine spannende Frage, woher permanent sich teilende Zellen die entsprechenden Differenzierungsinformationen bekommen. Es gibt Studien mit Amphibien zu diesem Thema. Salamander zum Beispiel sind in der Lage, einen abgetrennten Fuß nachwachsen zu lassen. Die Forscher stellen sich die Frage, ob das ein stammzellbasierter Prozess ist. Wenn ja, wo kommen die Stammzellen her? Werden die Stammzellen im Wundbereich umprogrammiert? Ich denke, dass sind spannende Forschungsthemen. Alle Ergebnisse aus Projekten werden weitere aufschlussreiche Einblicke in das ”Differenzierungsgeheimnis” von Stammzellen geben. Für die Zukunft kann das bedeuten: Wenn gewisse Gene, die für die Steuerung der Regeneration verantwortlich sind, gefunden werden, kann im menschlichen Organismus nach eben diesen Genen gesucht werden, um Differenzierungsprozesse schneller zu verstehen.
Das Interview als Druckversion finden Sie hier.
[...] vielfältige Einsatzmöglichkeiten bei der Behandlung von Krankheiten beziehungsweise beim Tissue Engineering bieten. Knochenmark enthält die gleichen, wenn auch älteren Zellen dieser Art und ist im [...]