“Nabelschnurblut enthält besonders junge adulte Stammzellen”

Nabelschnurblut - Dr. Alexandra StolzingDie Zukunft adulter Stammzellen – dazu gehören auch jene aus Nabelschnurblut – liegt in der Heilung von Krankheiten und ihrer Anwendung im Rahmen der Regenerativen Medizin. Im Interview erklärt Dr. Alexandra Stolzing vom Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig die Vorteile des Forschungsstandortes Deutschland und gibt Einblicke in die faszinierende Welt der Stammzellen und ihrer Möglichkeiten.

Könnten Sie für uns kurz die verschiedenen Arten von Stammzellen definieren?
Stammzellen werden nach ihrer Herkunft und Ihrem Wachstums- bzw. Differenzierungspotenzial unterschieden. Haben sie ihren Ursprung im Embryo, werden sie als embryonale Stammzellen bezeichnet. Die aus dem erwachsenen Menschen kommen, sind adulte Stammzellen (zum Beispiel im Nabelschnurblut). Sie können je nach Organ, in dem sie sich befinden, zusätzlich in Untergruppen eingeteilt werden. So finden sich neuronale Stammzellen im Gehirn und Leberstammzellen in der Leber. Die unterschiedlichen Entwicklungseigenschaften erlauben eine weitere Einteilung der Stammzellen in totipotent, pluripotent und multipotent. Totipotente Stammzellen können alle Gewebe im Körper herstellen, pluripotente viele und multipotente haben nur noch ein sehr begrenztes Differenzierungspotenzial.

Welche Vor- und Nachteile haben die unterschiedlichen Stammzellen?
Die Vorteile von adulten Stammzellen , beispielsweise Nabelschnurblutstammzellen, liegen in ihrer guten Immunverträglichkeit und dem geringen Krebsrisiko. Werden die Zellen bei einer Therapie angewendet, ist die Wahrscheinlichkeit einer Abwehrreaktion gering. Doch nach zehn bis 20 Wochen stellt eine adulte Stammzelle die Vermehrung ein. Im Gegensatz dazu können sich embryonale Stammzellen nahezu unendlich lange teilen und sich zu beinahe jedem Gewebe spezialisieren. Der Nachteil ist, dass sie im undifferenzierten Zustand sehr hohes Krebspotenzial haben und daher für den therapeutischen Einsatz ungeeignet sind.

Wie genau werden Stammzellen denn genutzt?
Stammzellen haben ein großes Potenzial, das schon heute erfolgreich genutzt wird. Viele klinischen Ergebnisse zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mit Stammzellen können beispielsweise Medikamente direkt an ihren Wirkungsort gebracht werden, so dass eine kleinere Menge für den Behandlungserfolg ausreicht. Folglich können künftig neurodegenerative Erkrankungen, wie Alzheimer, im Gehirn effektiver therapiert werden. Zudem bieten Transplantationen von Stammzellen zur Behandlung von Krankheiten für unsere Forschungsergebnisse breite Anwendungsmöglichkeiten.

Und wo können Stammzellen im Rahmen der Regenerativen Medizin eingesetzt werden?
Stammzellen können in nahezu jedem Gewebe oder Organ angewendet werden. Es fängt bei Wundheilung und Knochenbrüchen an und setzt sich bei Diabetes, Herzinarkt und Schlaganfall fort. Vieles davon wird derzeit schon angewendet oder für den klinischen Einsatz geprüft.

Was fasziniert Sie eigentlich so an der Forschung mit Stammzellen?
Die Möglichkeit, menschliches Leben lebenswert zu machen und die Menschen bis ins hohe Alter hinein, gesund und bewegungsfähig zu machen oder zu erhalten, damit sie ein langes aktives Leben führen können. Dazu gehört, Begleiterscheinungen des Alters zu mindern und beispielsweise schwache Knochen zu festigen.

Im Ausland ist die Gesetzeslage für die Forschung mit embryonalen Stammzellen etwas liberaler als in Deutschland. Wäre es für Sie reizvoller im Ausland zu arbeiten?
Nein – das ist für mich nicht reizvoll, da ich mich hauptsächlich mit adulten Stammzellen beschäftige. Deutschland bietet für mein Forschungsgebiet ideale Bedingungen, denn von hier kommen wegweisende und spannende Ergebnisse. Wenn ich allerdings mit embryonalen Stammzellen forschen würde, wäre England meine erste Wahl. Dort ist die Gesetzeslage in der Tat offener als in Deutschland.

Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.

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