“Nabelschnurblut enthält ‘gebrauchsfertige’ Stammzellen”

Nabelschnurblut - LaborFür Forscher sind Stammzellen aus Nabelschnurblut besonders interessant, denn sie sind leicht zu gewinnen und bieten viele Anwendungsmöglichkeiten. Dr. med. Volker R. Jacobs ist Gynäkologe an der Technischen Universität in München und hat im Rahmen zahlreicher Projekte Stammzellen aus Nabelschnurblut untersucht. Im Interview erklärt er die Unterschiede zwischen adulten und embryonalen Stammzellen und gibt einen Ausblick, welche Stammzellart in Zukunft Chancen in der Wissenschaft hat.

Was sind Stammzellen?
Stammzellen sind die Zellen, aus denen sich das menschliche Leben entwickelt und zum Teil auch erneuert. Sie können nicht nur in Embryonen, Föten und Nabelschnurblut, sondern auch noch viele Jahre nach der Geburt im Körper nachgewiesen werden. Stammzellen haben besondere Eigenschaften und Potenziale, die in den letzten Jahren zu großem Interesse durch die Wissenschaft und Medizin geführt haben. Sie können sich selbst erneuern und sind die Grundlage, aus der sich alle anderen Zellen im Körper entwickeln.

Welche Arten von Stammzellen gibt es?
Stammzellen sind Ursprungszellen für ein menschliches Lebewesen. Sie können auf verschiedene Arten unterschieden werden – aufgrund ihres Entwicklungs- und Differenzierungspotenzials in bestimmte Gewebe oder nach ihrer zeitlichen Herkunft. Bezüglich des Entwicklungspotenzials werden toti-, pluri- und multipotente Stammzellen unterschieden, die ein absteigendes Differenzierungspotenzial haben. Nach der Verschmelzung von Eizelle mit Spermium können sich nur die ersten Zellen des neuen Lebewesens zu einem vollständigen Menschen entwickeln (Totipotenz), die Zellen der nachfolgenden Entwicklungsstufe nur noch zu verschiedenartigen Geweben (Pluripotenz) und zum Schluss nur noch zu einem bestimmten Gewebe (Multipotenz). Bezüglich der Zeit werden embryonale Stammzellen aus der frühesten Phase der Entwicklung im Mutterleib von so genannten adulten Stammzellen, wie sie im menschlichen Körper auch nach der Geburt vorkommen und noch nach vielen Jahren im Gewebe und in Organen nachgewiesen werden können, unterschieden. Deshalb werden Stammzellen im Nabelschnurblut auch als adulte Stammzellen bezeichnet. In den letzten Jahren haben neue Forschungsergebnisse gezeigt, dass spätere Entwicklungsstufen, wie zum Beispiel multipotente Zellen oder einfache Gewebezellen, wieder in pluripotente oder gar embryonal ähnliche Stammzellen zurückverwandelt werden können. Somit verwischen klare Definitionsgrenzen – beziehungsweise heben sich auf.

Was ist das Besondere an Stammzellen aus Nabelschnurblut?
Die Stammzellen aus Nabelschnurblut werden als adulte Stammzellen bezeichnet. Sie stehen damit schon sozusagen ”gebrauchsfertig” zur Nutzung bereit und sind relativ leicht aus kindlichem Nabelschnurblut nach der Geburt zu gewinnen. Dem Neugeborenen wird dabei nichts weggenommen, da das Blut aus der Plazenta und der anhängenden Nabelschnur stammt, die früher nach der Geburt einfach entsorgt wurden. Somit stehen die Stammzellen dem Menschen einsatzbereit – ohne eine notwendige Reifung oder Vermehrung – direkt für die Anwendung zur Verfügung. Aus dem Grund sind sie derzeitig von konkretem Interesse für den klinischen Einsatz in der Medizin.

Wo liegt das Potenzial von adulten oder embryonalen Stammzellen?
Die so genannte Pluripotenz, die Entwicklungsfähigkeit in alle anderen menschlichen Gewebe, macht Stammzellen so interessant. Wir Mediziner und Forscher stellen uns vor, in Zukunft adulte Stammzellen als vielfältiges Heilmittel einsetzen zu können. Das große Potenzial liegt bei adulten Stammzellen möglicherweise in der Anwendung im Rahmen der Regenerativen Medizin. Menschen werden nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern weltweit immer älter und leben mit zunehmend mehr altersbedingten, so genannten degenerativen Erkrankungen. Diese können über Jahre hinweg große Schäden an Geweben, Organen oder Knorpel anrichten, Schmerzen verursachen und die Lebensqualität einschränken – ebenso wie Unfälle. Unser Ziel könnte sein, entweder durch Einschleusen von Stammzellen in den Körper an den Ort des Schadens die Regeneration beschädigter Gewebe zu beschleunigen oder im Labor nachgebildete Gewebe als Ersatz zu verwenden, um so eine Heilung zu unterstützen und die persönliche Lebensqualität zu erhöhen. Dem gegenüber müssen die therapeutischen Möglichkeiten der embryonalen Stammzellen zum jetzigen Zeitpunkt klar abgegrenzt werden. Es gibt derzeit im Gegensatz zu adulten Stammzellen keine etablierte Anwendung für embryonale Stammzellen. In Deutschland dürfen sie nach derzeitiger Rechtslage nicht am Menschen angewandt werden, auch die Grundlagenforschung an embryonalen Stammzellen ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bei uns nur sehr eingeschränkt möglich. Diese Grundlagenforschung ist aber essenziell, um das große Geheimnis von Entwicklungs- und Steuerungsvorgängen zu entschlüsseln, Stammzellen zu verstehen und ihre Differenzierung gezielt und sicher steuern zu können.

Sehen Sie in adulten oder in embryonalen Stammzellen größere Chancen für die Zukunft?
Das ist eine gute Frage, denn die Zukunft ist schwer vorherzusagen und ein erhoffter breiter Einsatz von Stammzellen in der Medizin wird vermutlich noch länger dauern, als es in der Anfangseuphorie erwartet war. Gegenwärtig sehe ich die größere Chance in der konkreten Anwendung von adulten Stammzellen, die ja auch bereits stattfindet. Auf der anderen Seite interessieren mich aus Forschungssicht die Entwicklungsvorgänge, die an embryonalen Stammzellen untersucht werden können. Werden sie aufgeklärt, umfassend verstanden und in sichere Anwendungen überführt, wird es mittel- bis langfristig vermutlich wesentlich mehr Einsatzmöglichkeiten für Stammzellen – unabhängig von ihrer Herkunft – geben können.

Könnten Sie einen Ausblick geben, wo die Stammzellmedizin in 20 Jahren stehen wird?
Unsere Aufgabe als Forscher ist es nur, Wege aufzuzeigen und zu beschreiten. Ob wir die Ziele auch erreichen werden, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mit Sicherheit sagen und hängt von vielen Faktoren ab, wie ausreichenden Ressourcen für die Grundlagenforschung und auch gesellschaftlicher Akzeptanz der Stammzellforschung in Deutschland. Meine Hoffnung ist, dass in 20 Jahren in Deutschland Stammzellen in vielen Bereichen klinisch eingesetzt werden. Dafür ist aber gerade im Bereich Grundlagenforschung noch einiges zu tun. Wir müssen Stammzellen umfassend verstehen und steuern können – auch um zu verhindern, dass sie sich in etwas Negatives, wie zum Beispiel Tumorzellen entwickeln. Für viele Krankheiten könnte man überprüfen, ob sie zukünftig mit einer Stammzelltherapie behandelbar wären. Beispielsweise sei der Typ I des Diabetes mellitus genannt, bei dem die Funktion der Bauchspeicheldrüse zur Insulinproduktion nachlässt bis ganz ausfällt. Es wäre großartig, wenn wir mit Stammzellen das Organ und seine Funktion soweit regenerieren könnten, dass sich diese Patienten kein Insulin mehr spritzen müssen. Gleichzeitig könnten die zum Teil schwerwiegenden Nebenerkrankungen, die mit Diabetes einhergehen, vermieden werden. Dies würde die Lebensqualität der Patienten verbessern und könnte gleichzeitig die gesellschaftlichen Kosten für eine langfristige chronische Erkrankung wesentlich reduzieren helfen.

Das Interview als Druckversion finden Sie hier.

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