Nabelschnurblut – eine interessante Quelle für unbedenkliche Stammzellen

Nabelschnurblut - Dr. Alexandra StolzingStammzellen aus Nabelschnurblut sind jung und vital. Durch die Kryokonservierung wird dieser Zustand über Jahrzehnte hinweg bewahrt. Der Alterungsprozess kann jedoch für die restlichen Stammzellen im Körper nicht aufgehalten werden. Deswegen lassen die körpereigenen Reparaturmechanismen im Laufe der Zeit nach. Mit ihrer Arbeit will Dr. Alexandra Stolzing vom Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig diese Entwicklung aufhalten beziehungsweise sie umkehren. Die Idee dazu kam ihr während ihres Forschungsaufenthaltes in England.


Könnten Sie uns einen Einblick in Ihren aktuellen Forschungsstand geben?
Wir beschäftigen uns vornehmlich mit der Alterung von Stammzellen am Maus- und Rattenmodell: Wie viele Stammzellen gehen mit dem Alter verloren? Gibt es einen Zusammenhang mit dem Risiko, an Diabetes zu erkranken? Welche Schäden entstehen im Alter an den Zellen? Welche Signalwege sind entscheidend? Die Antworten auf diese Fragen helfen, Alterserscheinungen an Stammzellen zu reduzieren. Die vollständige Reprogrammierung von adulten in embryonale Stammzellen ist uns noch nicht gelungen. Denn unsere Methode soll für den Einsatz am Menschen geeignet sein. Daher benutzen wir anders als andere Arbeitsgruppen für die Umsetzung keine Viren, denn diese integrieren in das Erbgut und können jederzeit wieder aktiviert werden und so Krankheiten, wie Krebs auslösen – das wollen wir vermeiden. Voraussichtlich in einem Jahr werden wir aber soweit sein, die reprogrammierten Zellen an Ratte und Maus und später im Großtiermodell – Schwein und Schaf – zu testen.

Was passiert in einer Zelle, wenn sie altert?
Je nach Blickwinkel ist die Antwort relativ einfach oder relativ kompliziert. Im Laufe ihres Lebens erfährt die Zelle Schäden an Proteinen, Lipiden und dem Erbgut. Die Veränderungen werden durch Stress ausgelöst: beispielsweise durch hohe Temperaturen in der Sauna oder beim Sonnenbaden, winzige Muskelverletzungen nach dem Sport oder einen sehr hohen Zuckergehalt nach dem Mittagessen. Normalerweise hat eine Zelle effektive Mechanismen, um damit umzugehen. Viele kleine Defekte jedoch akkumulieren mit dem Alter der Zelle und führen dazu, dass sie Stress schlechter bewältigen kann. Hinzu kommt, dass sie bei jeder Teilung ”älter” wird. Ursache sind sich wiederholende, nicht codierte Sequenzen an den Chromosomenenden, so genannte Telomere, die bei jeder Teilung verkürzt werden. Sind sie aufgebraucht ist eine Vermehrung nicht mehr möglich – die Zelle kann keinen Nachschub mehr liefern.

Wie kamen Sie denn darauf, ”junge” und ”alte” Stammzellen zu vergleichen?
Der Antrieb, sich mit ”alten” Stammzellen auseinander zu setzen, kam wie so oft in einer Diskussion auf: Warum machen ”alte” Stammzellen ihre Arbeit nicht, wenn sie doch im Körper vorhanden sind? Warum haben wir im Alter nicht die gleichen Reparatureffekte wie in der Jugend? Das sind zugleich Gründe, warum mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, eine Stammzelltherapie zu benötigen.

Heißt das, eine Stammzelltherapie ist ein Eingriff in die Natur des Menschen? Wird es bald keine alten Menschen mehr geben?
Das ist eine philosophische Frage. Genau genommen, ist alles was wir tun, ein Eingriff in die Natur des Menschen. Auch die Einnahme von Insulin gegen Diabetes. Zu erwarten ist, dass wir mit Stammzellen weniger Nebenwirkungen, als mit Medikamenten erhalten. Alte Menschen wird aber es auch in Zukunft geben. Die Regenerative Medizin kann Gewebe oder Organe für Reparaturen zur Verfügung stellen, den ganzen Körper jedoch nicht ersetzen. Die Umgebung, in die die Zellen eingebracht werden, bleibt ”alt”. Genau das wird zukünftig Gegenstand weiterer Forschungen sein: Junge Zellen in alte Strukturen zu integrieren und sicherzustellen, dass sie dort ihre Funktionen korrekt ausführen.

Könnte es irgendwann möglich sein, die verjüngten Zellen im Beauty-Bereich einzusetzen?
Denkbar ist der Einsatz in der Haut. Im Gegensatz zu Giften wie Botox würden eigene Stammzellen weniger Nebenwirkungen hervorrufen und es könnte eine relativ risikolose Straffung erreicht werden. Auch im Vergleich zu Cremes, die DNA enthalten, würden Stammzellen besser abschneiden. DNA kann und wird niemals von allein in die Haut eindringen und sie verjüngen. Doch dieser Bereich steht in meiner Prioritätenliste sehr weit unten, da aus meiner Sicht Falten zum Leben gehören, eine kaputte Hüfte jedoch nicht.

Haben die Deutschen ein Problem mit der Stammzell-Forschung?
Die Grundeinstellung der Deutschen ist sehr verhalten gegenüber Neuem. Dazu kommt, dass die meisten Menschen nur embryonale Stammzellen kennen, weil sie in der Politik diskutiert werden. Die Medien liefern dazu aber keine weiteren Informationen, so dass der Großteil der Bevölkerung einen falschen Einblick in die Stammzellforschung gewinnt. Dass Nabelschnurblut eine ethisch unbedenkliche Quelle für äußerst interessante, adulte Stammzellen ist, wissen die meisten gar nicht. Diese Wissenslücken machen es zusätzlich schwer, innovative wissenschaftliche und medizinische Erfolge zu etablieren. Um den Kenntnisstand der Bevölkerung zu verbessern, sollte schon in der Schule umfangreiche Aufklärungsarbeit geleistet werden – und das gilt nicht nur für den Bereich ”Stammzellen”.

Das Interview als Druckversion finden Sie hier.

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