“Nabelschnurblut eignet sich für die therapeutische Anwendung”
Jahrelange Erfahrungen in der Hämatologie und Onkologie brachten den Herstellungsleiter einer privaten Nabelschnurblutbank Dr. rer. nat. Dietmar Egger zu seiner jetzigen Position. Denn er erkannte das Potenzial von Nabelschnurblut für die therapeutische Anwendung. Im Interview gibt er spannende Einblicke in sein Wissen über das Produkt Nabelschnurblut.
Wie viele Zellen können aus Nabelschnurblut eigentlich gewonnen werden?
Die Menge an Zellen, die wir aus Nabelschnurblut gewinnen, ist unterschiedlich und begrenzt. Im Schnitt sind es 700 Millionen kernhaltige Zellen. Für eine spätere erfolgreiche Transplantation benötigen wir zehn Millionen Zellen pro Kilogramm Körpergewicht. Daher haben wir eine Untergrenze von 250 Millionen Zellen definiert. Wenn das Nabelschnurblut weniger Zellen enthält, können die Eltern entscheiden ob es weitergelagert oder verworfen werden soll.
Allerdings arbeiten aktuell viele Wissenschaftler weltweit daran, Methoden zur Vermehrung der Zellen zu entwickeln. Ich bin mir sicher, dass die eingelagerte Nabelschnurblutmenge in einigen Jahren kein Problem mehr sein wird.
A propos Gewinnung: Hierzu haben Sie ja ein spezielles Transportpaket entwickelt. Warum war das denn notwendig?
Eine Nabelschnurblutrichtlinie der Bundesärztekammer gibt klar definierte Temperaturbereiche vor, innerhalb derer befüllte Blutbeutel gelagert und transportiert werden müssen. Dieser Bereich liegt zwischen 18°C und 26°C. Um die Temperatur über Stunden auch bei extremen Außentemperaturen konstant zu halten, wird das Blut in einer Styroporbox transportiert. Zusätzlich setzen wir Gelkissen ein, die die Temperatur über fünf bis sieben Stunden so stabilisieren, dass Außentemperaturen von Null bis 35 Grad kein Problem darstellen. Zusätzlichen Schutz bietet die gute Organisation der Transporte. Zwischen der Klinik und unseren Labors gibt es keine Situation, in der die Transportbox längere Zeit extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Um dies zu kontrollieren, benutzen wir digitale Speicherchips, die die Temperatur über ein gesamtes Jahr aufzeichnen können.
Wie lange ist das Nabelschnurblut eigentlich lagerbar?
Konkrete Untersuchungen dazu gibt es bislang über längstens 15 Jahre. In keiner dieser Untersuchungen konnte eine signifikante Abnahme der Lebensfähigkeit der Zellen nach dieser langen Lagerdauer nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse decken sich mit unseren eigenen Haltbarkeitstests, die wir alle zwei Jahre durchführen und dem Paul-Ehrlich-Institut als oberste deutsche Arzneimittel-Überwachungsbehörde mitteilen. Theoretische Berechnungen auf Grundlage thermodynamischer Gesetze bekräftigen diese praktischen Erkenntnisse und lassen vermuten, dass die Lebensfähigkeit der Zellen bei den niederen Temperaturen um minus 190°C über mindestens hundert Jahre aufrecht erhalten werden kann.
Wie stellen Sie über lange Zeit sicher, dass das Nabelschnurblut die Lagerung gut übersteht?
Es zweifelt kein Wissenschaftler an der Haltbarkeit der Zellen, eher an der Haltbarkeit der Beutel. Wir verwenden als einziger Anbieter Tieffrierbeutel aus einem speziellen Kunststoff, die wir selbst entwickelt haben. Diese Beutel sind sehr flexibel und halten die sehr tiefen Temperaturen im Stickstofftank gut aus. Sie sind schwierig herzustellen, das Material ist etwa zehn Mal teurer als die herkömmlichen Kunststoffe, aber die Vorteile rechtfertigen die Kosten.
Warum ist es sinnvoll das komplette Nabelschnurblutpräparat einzulagern und es nicht vorher zu separieren?
Mit der Zellseparation sind einige Probleme verbunden: Dadurch verändert sich zum einen die gesamte natürliche Umgebung der Zellen, das heißt viel geringere Plasmakonzentrationen bei wesentlich erhöhten Zelldichten. Dies wirkt sich negativ auf die Stabilität der Zellen nach dem Auftauen aus. Zum anderen gehen bei den Separationsprozessen Stammzellen verloren – was wir, da wir das Nabelschnurblut im Auftrag der Eltern nur verwalten, nicht akzeptieren können. Ein weiteres Problem bei der Separation ergibt sich durch die Tatsache, dass wir heute noch nicht genau wissen, welche Bestandteile im Nabelschnurblut noch enthalten sind. Die Gefahr ist einfach zu groß, durch eine Separation Zellen zu verlieren, die wir noch nicht kennen und deren Funktionen uns noch unbekannt sind, die jedoch für den Patienten später sehr wichtig sein können. Natürlich entstehen durch die Vollbluteinlagerung höhere Kosten, denn wir frieren im Schnitt anstelle von 25 Milliliter 70 Milliliter Präparate ein.
Was fasziniert Sie an Nabelschnurblut?
Ich habe während meiner Arbeit in der Hämatologie und Onkologie oft genug erlebt, dass die Suche nach Familien- aber auch nach unverwandten Spendern erfolglos war. In der Folge wurde versucht, vom Patienten selbst Stammzellen zu gewinnen, was auch nicht immer erfolgreich war. Ich habe dabei die Überzeugung gewonnen, dass es völlig unverständlich ist, eine Stammzellquelle wie Nabelschnurblut, ungenutzt im Abfalleimer zu entsorgen.
Wo sehen Sie die Zukunft des Nabelschnurblutes?
Ich sehe die Zukunft der Stammzellen aus dem Nabelschnurblut in der Regenerativen Medizin. Das heißt, in der Wiederherstellung von geschädigtem oder zerstörtem Gewebe.
Das Interview als Druckversion finden Sie hier.