Nabelschnurblut: “Die Stammzellen sind unheimlich vielseitig”
Stammzellen aus Nabelschnurblut sind in der Forschung vielseitig einsetzbar. Deshalb befürwortet der Arzt und Wissenschaftler Dr. Michael John dessen Einlagerung. Doch um das Potenzial der Nabelschnurblutbestandteile optimal auszuschöpfen, müssen Politik und Wissenschaft an einem Strang ziehen. Im Interview legt er seinen Standpunkt zur Forschungslandschaft in Deutschland dar und erklärt, warum Krankenkassen von der Stammzelltherapie profitieren könnten.
Was ist für Sie der größte Fortschritt in der Regenerativen Medizin, der in den letzten Jahren zu verzeichnen war?
Für mich persönlich ist die Idee, das Nabelschnurblut von Neugeborenen einzulagern, eine irrsinnig gute Sache. Das sollte weltweit bei jedem Kind gemacht werden. Die Zellen im Nabelschnurblut haben ein Potenzial, das zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht ausgeschöpft ist. Da wird sich in den nächsten Jahren viel weiterentwickeln und muss wissenschaftlichen aufgearbeitet werden.
Wo sehen Sie Stammzellen in den nächsten Jahren?
Es wird noch viel passieren – es muss auch was passieren. Diese Zellen haben so viele Fähigkeiten, die wir erst beginnen, zu verstehen. Beispielsweise Leukozyten (weiße Blutzellen, Anm.d.Red.): Sie besitzen eine hohe regenerative Kraft, die es ermöglicht Krankheiten zu behandeln, für die es bislang keine kausale Therapie gab. Doch wir brauchen die Genehmigung dazu – und da sehe ich Handlungsbedarf! Denn Deutschland ist in der Beziehung sehr restriktiv.
Sie bezeichnen die Forschungslandschaft in Deutschland als restriktiv. Wie könnte das geändert werden?
Die Gelder, die ausreichend vorhanden sind, müssten besser verteilt werden. Damit es wieder attraktiv wird, an einer freien Universität gute Forschung zu betreiben. Ein besseres Netzwerk zwischen Wissenschaft und Politik ist essentiell. Denn Entscheidungen werden oftmals übereilt und ohne das nötige Hintergrundwissen getroffen. Gleiches gilt für die Bevölkerung. Es sind umfassende Aufklärungsarbeiten nötig, um Vorurteile abzubauen und somit der Forschung mehr Spielraum zu geben – das ist das, was gebraucht wird.
Sehen Sie Stammzellen als Universalwaffe zur Behandlung von Krankheiten an?
Nein, sie sind keine Wunderwaffe – aber unheimlich vielseitig. Ebenso wie der Wirkstoff in Aspirin nicht nur bei Kopfschmerzen eingesetzt wird, haben auch Stammzellen ein sehr breites Wirkungsspektrum. Das zu ergründen, wird das Ziel der nächsten Jahre sein. Gerade chronische erkrankte Patienten werden von Stammzellen profitieren, was wiederum den Krankenkassen zugute kommt. Denn über 80 Prozent ihrer Belastungen sind auf langwierige Erkrankungen zurückzuführen.
Das Interview als Druckversion finden Sie hier.