Nabelschnurblut: “Die klinische Anwendung ist nur eine Frage der Zeit”
Nabelschnurblut im Einsatz am Herzen – ob bei angeborenen Herzfehlern von Neugeborenen oder Herzinfarkten bei älteren Menschen. Für Dr. Alexander Kaminski von der Uniklinik in Rostock ist der Einsatz in den nächsten Jahren sehr wahrscheinlich. Denn er ist sich sicher, dass das regenerative Potenzial von Stammzellen aus Nabelschnurblut höher ist als das der “älteren Verwandten” aus Knochenmark. Im letzten Teil des Interviews gibt er weitere spannende Einblicke in seine Forschung.
Sie simulieren im Rahmen Ihrer Forschung im Schafmodell angeborene Herzfehler. Wie funktioniert das? Und sind Ihre Erkenntnisse auch auf den Menschen übertragbar?
Einige Säuglinge weisen angeborene Herzfehler auf und müssen sich in ihren ersten Lebensmonaten vielen Operationen unterziehen. Wir testen am Tiermodell, in diesem Fall mit Schafen, ob eine Stammzelltherapie auch hier möglich ist. Dazu entnehmen wir bei Schafen Nabelschnurblut, rufen später in diesen Schafen einen künstlichen Herzfehler hervor und injizieren das Stammzellpräparat, das aus dem Nabelschnurblut gewonnen wurde. Wir konnten erste, sehr positive Effekte in dem Tiermodell feststellen. Da wir das Modell von Anfang an so angelegt haben, dass der menschliche Herzfehler sehr gut simuliert wurde, schätzen wir die Übertragbarkeit auf den Menschen als sehr hoch ein.
Wann wird diese Therapie beim Menschen möglich?
Wir befinden uns hier erst am Anfang. Aber ich bin mir sicher, dass eine Therapie in diesen Fällen in den nächsten fünf Jahren in den ersten klinischen Studien angewendet wird.
Wie könnte eine Therapie mit Nabelschnurblut bei Säuglingen mit angeborenem Herzfehler aussehen?
Viele Herzfehler können schon vor der Geburt festgestellt werden. Bei der Geburt würde dann das Nabelschnurblut einfach entnommen und konserviert und die darin enthaltenen Stammzellen anschließend zur Therapie eingesetzt.
Die Anwendung von Stammzellen bei Herzinfarktpatienten beruht auf Ihren Forschungsergebnissen zum Fließverhalten der Zellen. Was konnten Sie dabei beobachten?
Die Funktionsweisen von Stammzellen im Körper standen von Anfang an im Fokus unseres Interesses. Wir wollten wissen, wie sich Stammzellen entwickeln und unter welchen Bedingungen. Eine Frage war dabei, woher Stammzellen wissen, dass sie an bestimmten Stellen zur Regeneration gebraucht werden. Um die Bedingungen der Anlagerung von Stammzellen an einem knochenmarksfernen Gewebe zu untersuchen, haben wir im Tierexperiment Stammzellen in ein intaktes Gefäßgebiet eingespritzt. Dabei konnten wir beobachten, dass Stammzellen zuerst ihre Strömungsgeschwindigkeit verlangsamen, wenn sie in ein entsprechendes Gewebegebiet gelangen. Sie ”kriechen” regelrecht an der Gefäßwand entlang. Wenn alle Bedingungen erfüllt sind, wird die Zelle festgehalten und schlüpft in das Gewebe. Dort entfaltet sie dann ihr ganzes Potenzial.
Welche Darstellungsmethoden nutzen Sie hierfür?
Der Blutstrom wird durch einen fluoreszierenden Farbstoff dargestellt, den wir ins Blut geben. Die Stammzellen werden mit einem anderen Farbstoff markiert, so dass sie leuchten. Somit kann man die Zellen und den Blutstrom – und damit alle Gefäße in diesem Gebiet -Â mit der intravitalen Mikroskopie in sehr starker Vergrößerung ansehen. Intravital heißt in diesem Zusammenhang, dass das Tier unter Narkose gestellt wird und wir so die Vorgänge im lebenden Organismus sehr detailliert beobachten können. Indem wir an diesen Stellen die Bedingungen variieren, erhalten wir Erkenntnisse der Stammzellinteraktionen.
Sie sprechen in Ihren Forschungsarbeiten auch von ”Stammzell-Homing”. Was ist darunter zu verstehen?
Mit dem Begriff wird ausgedrückt, dass eine Stammzelle ”nach Hause” will. Im Normalfall ist das ”Zuhause” für eine Stammzelle das Knochenmark. Treten an verletzten Geweben bestimmte Bedingungen auf, sind auch hier alle Faktoren für ”Zuhause” erfüllt und die Stammzelle lagert sich an. Wir kennen die Bedingungen mittlerweile ziemlich gut und wissen, dass es sich dabei um bestimmte Proteine und Entzündungsreaktionen handelt.
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