Nabelschnurblut: “Die Beratung junger Mütter ist notwendig”
Nabelschnurblut rückt immmer mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung. Junge Mütter ergreifen die Initiative und befragen Menschen, denen sie vertrauen. Dazu gehört gerade bei Schwangeren der Frauenarzt. Dr. Andreas Ottlik aus Oschatz liesst aus diesem Grund regelmäßig wissenschaftliche Veröffentlichungen, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Im Interview erklärt er, warum er Schwangere zum Thema “Nabelschnurblut” aufklärt und wann es für Mütter sinnvoll ist, sich mit dieser Vorsorgemöglichkeit auseinanderzusetzen.
Welche Rolle spielt das Thema Stammzellen in der Gynäkologie?
Das Thema Stammzellen spielt in der gynäkologischen Praxis im Moment noch keine Rolle. Die bisherigen und zukünftigen Anwendungen dieser Zellen beschränken sich hauptsächlich auf Fachbereiche der Inneren Medizin, eventuell der Neurologie und Orthopädie. Da die Zellen aber bei der Geburt gewonnen werden, komme ich als Frauenarzt mit diesem Thema in Berührung. Ich berate werdende Mütter und muss mich somit auch in diesem Bereich auskennen: Daher informiere ich mich bei Weiterbildungen und lese wissenschaftliche Artikel.
Wann sind Sie das erste Mal mit der Einlagerung von Nabelschnurblut in Kontakt gekommen?
Das liegt bereits zehn oder elf Jahre zurück. Ich erhielt ein Infopaket, das ich erst einmal ignoriert habe. Nach einem sehr sachlichen und wissenschaftlich begründeten Vortrag von Dr. Lampeter, einem der Gründer der privaten Nabelschnurblutbank in Leipzig, holte ich das Paket wieder aus dem Schrank und beschäftigte mich damit. Seit dieser Zeit berate ich Schwangere zum Thema Einlagerung von Nabelschnurblut.
Wie verläuft so ein Beratungsgespräch?
Die Beratung über die Entnahme von Nabelschnurblut beginne ich meist in der 20. oder 24. Schwangerschaftswoche. Wie ich in das Thema einsteige, hängt ganz vom Wissensstand der Schwangeren ab. Viele werden schon von Ihren Hebammen aufgeklärt oder haben Infomaterial gelesen. Um den Sinn der Einlagerung von Nabelschnurblut beispielhaft zu erklären, nutze ich die Leukämie: Es braucht eine Reihe Spender, um die Behandlung durchführen zu können. Die Möglichkeiten, die die Regenerative Medizin in der Zukunft haben könnte, ist auch ein Thema in meiner Beratung. Ich versuche, werdende Mütter zu sensibilisieren und rate ihnen immer, sich zu informieren, zum Beispiel im Internet. Es geht nicht darum, während der gesamten Schwangerschaft über dieses Thema zu grübeln! Das Paar soll über das Thema nachdenken und sich eine Meinung bilden. Bei einer der nächsten Konsultationen frage ich gezielt nach, um gegebenenfalls Fragen abzuklären.
Sie starten Ihre Beratung zum Thema Einlagerung von Nabelschnurblut in der 20. bis 24. Woche. Warum?
Das ist aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, um sich darüber Gedanken zu machen. Bis zur Geburt ist noch genug Zeit und die Schwangeren können sich ohne Hektik informieren. Die Beratung früher anzusetzen, halte ich für wenig Erfolg versprechend: Ganz am Anfang der Schwangerschaft haben die Frauen meist noch gewisse Umstellungsschwierigkeiten. Es gibt so viel Neues, das auf sie zukommt. Ich kann ihnen das Kind im Ultraschall zeigen, aber sie spüren es selbst noch nicht. Wenn sie die ersten Bewegungen des Kindes wahrnehmen – meist in der 17. bis 19. Schwangerschaftswoche – intensiviert sich die Beziehung zum Kind. Die Mutter ist offener für neue Eindrücke und Vorschläge.
Stehen werdende Mütter dem Thema Einlagerung von Nabelschnurblut eher skeptisch oder aufgeschlossen gegenüber?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt einige Frauen, die es von vornherein ablehnen und nichts weiter über das Thema erfahren wollen. Der Großteil ist jedoch aufgeschlossen und interessiert.
Gibt es eine bestimmte Art von Müttern – beispielsweise eher medizinisch gebildete oder eher vorsichtige – die sich für das Thema interessieren? Oder interessiert es alle Eltern gleichermaßen?
Generell interessiert es Frauen, die sich viel mit ihrer Schwangerschaft und dem Kind beschäftigen. Es gibt aber auch sehr übervorsichtige Eltern, die wirklich alles abwägen wollen. Ich kann selten vorhersehen, welche Eltern sich dann auch für die Einlagerung entscheiden. Es sind nicht immer jene, mit denen ich das intensivste Beratungsgespräch geführt habe. Ich hatte auch Schwangere mit einem Krankheitsfall in der Familienvorgeschichte. Bei denen stand von Anfang an fest, dass sie diese Vorsorgemöglichkeit in Anspruch nehmen werden.
Das Interview als Druckversion finden Sie hier.
[...] Eltern empfehlen, sich erst nach dieser Zeit mit Nabelschnurblut zu beschäftigen, lesen Sie hier. September 24, 2008 | abgelegt unter Allgemein, Nabelschnurblut: Immer ein offenes [...]