“Die bisherigen Studien sind zukunftsweisend”
Vielseitiges Wissen zeichnet den Molekularbiologen Dr. rer. nat. Erich Kunert aus. Er ist verantwortlich für den Kundenservice bei einer Nabelschnurblutbank. Darum reißt er im Interview Themen, wie die Haltbarkeit von Nabelschnurblut, die Förderung dessen Einlagerung durch die Krankenkassen, die Bedeutung des Alterns von Stammzellen und zukünftige Forschungsmöglichkeiten an.
Gibt es denn ein Verfallsdatum für tiefgefrorenen Stammzellen?
Hierzu würde ich mich auf die Aussage eines Fachmannes verlassen, der sich damit auskennt. Professor Fuhr, der Direktor des Fraunhofer Instituts für Biomedizinische Technik in Sulzbach im Saarland ist so ein Experte. Das Institut ist weltweit führend in der Kälte-Biologie lebender Systeme. Er hat unsere Anlagen besichtigt und ist der Meinung, dass die bei uns eingelagerten Stammzellen mehrere hundert Jahre überdauern sollten. Ich gehe davon aus, dass sie über die Lebensspanne eines Menschen haltbar sind.
Wie viele Eltern nutzen denn die Möglichkeit, das Nabelschnurblut ihres Kindes aufzubewahren?
Für Deutschland gibt es keine genauen Zahlen. Ich schätze, insgesamt werden es bei allen Blutbanken etwa 20.000 Nabelschnurblute sein, die jährlich eingefroren werden. Umgekehrt heißt das, dass bei zirka 700.000 Geburten pro Jahr in Deutschland 680.000 Nabelschnurblute im Klinikmüll landen. Es ist wirklich schade, diese wertvollen Stammzellen in den Abfall zu werfen.
Wird die Nabelschnurblut-Einlagerung von den Krankenkassen gefördert?
Die Aufbewahrung ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Es ist eine Eigenvorsorge, die die Eltern selbst finanzieren müssen. Anders gesagt: Die Einlagerung ist keine Kassenleistung! Aber einige Krankenkassen fördern die Prävention. Insofern gibt es eine Reihe von Kooperationsverträgen zwischen Krankenkassen und VITA 34. Deren Versicherten erhalten in der Regel Vergünstigungen bei der Einlagerungsgebühr.
An welchen Projekten wird zurzeit geforscht und was wird in Zukunft dadurch möglich sein?
Es gibt weltweit sehr vielfältige Forschungsprojekte. Eine Studie, die 2007 veröffentlicht wurde, lässt wirklich Großes hoffen: Die Studie hat Kinder untersucht, die an jugendlichem Diabetes erkrankt waren. Das eigene Immunsystem richtet sich bei dieser Erkrankung gegen die Bauchspeicheldrüse und zerstört nach und nach die Insulinproduktion der Zellen. Das führt dazu, dass die Kinder schon sehr früh und meist ein Leben lang mit Insulin behandelt werden müssen. Bei der Studie ist herausgefunden worden, dass die frühe Therapie mit Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut dazu führt, dass das Immunsystem sich weniger gegen die insulinproduzierenden Zellen richtet. Die Kinder brauchten infolge dessen weniger Insulin zuzuführen, was für sie eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität bedeutet.
Wo wir gerade bei Zukunftsvisionen sind: Welchen Platz werden Stammzellen in der regenerativen Medizin einnehmen können?
Einen ganz zentralen Platz! Im Moment entwickelt sich eine völlig neue Art der Medizin, die als regenerative Medizin bezeichnet wird. Bisher wurde durch Unfall oder Krankheit zerstörtes Gewebe durch körperfremde Materialien, wie Stahl oder Keramik, ersetzt. Die regenerative Medizin hat das Ziel, ”Originalteile” aus körpereigenen Stammzellen wieder aufzubauen oder zu regenerieren. Hierzu werden gute – also eigene und junge – Stammzellen gebraucht. Diesbezüglich bietet das Nabelschnurblut sehr viele Möglichkeiten.
Warum spielt denn das Alter der Stammzellen bei Therapien eine so große Rolle?
Das wissen wir heute schon ganz sicher. Alternde Stammzellen können Ursache für Erkrankungen sein. Zum Beispiel bei der Volkskrankheit Arteriosklerose: Dabei sind die Veränderungen der Blutgefäße alterungsbedingt. Denn die Reparaturzellen, die aus unserem Knochenmark kommen, sind aufgrund des Alters nicht mehr in der Lage, die Gefäße glatt und sauber zu halten. Hier ist der Einsatz von gealterten Stammzellen aus dem Knochenmark, die das Problem mit verursacht haben, natürlich nicht geeignet. Besser helfen eigene und junge Stammzellen. Sie und ich haben leider keine Möglichkeit mehr, junge und eigene Stammzellen zu bekommen. Aber für jedes Kind, das heute geboren wird, können die Eltern dafür sorgen, dass es diese Reserve zur Verfügung hat. Und das über viele Jahrzehnte.
Das Interview als Druckversion finden Sie hier.