Medien widmen sich Nabelschnurblut oft nur in Schlagzeilen

Dr. Imhof legt Anwendungsmöglichkeiten des Nabelschnurbluts dar.Dr. Martin Imhof ist Vorsitzender des österreichischen Vereins zur Förderung der Zelltherapie. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der Geburtsmediziner mit dem Thema Nabelschnurblut. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht er unter anderem darüber, wie er zum ersten Mal mit dem Thema in Kontakt gekommen ist und wo er potenzielle Anwendungsgebiete sieht. Daneben erklärt der Dr. Imhof, wie er die Rolle der Medien hinsichtlich einer öffentliche Diskussion über die Potenziale von Nabelschnurblut bewertet.

Worin sehen Sie die potenziellen Anwendungen von eingelagertem Nabelschnurblut?

Die Möglichkeiten hierfür sind sehr vielfältig. Ich unterscheide dabei zwei Bereiche – onkologische und nicht-onkologische Einsätze. Bei Ersteren geht es etwa um die Folgen onkologischer Erkrankungen des Knochenmarks – wie beispielsweise Blutkrebs. Dies ist der zwar häufiger diskutierte, jedoch kleinere Anwendungsbereich. Der größere ist der der Zelltherapie, wo wirklich Gewebe gezüchtet und verändert wird. Hier sind die Anwendungsmöglichkeiten sehr breit.

Wo, denken Sie, wird die Entwicklung noch hingehen?

Bewegung erwarte ich etwa auf dem Gebiet der kausalen Ersatzbehandlung. Wenn Gewebe geschädigt wird, werden in Zukunft nicht mehr nur die Folgen behandelt werden, sondern es wird neues Gewebe gezüchtet werden, das das alte ersetzt. Ein Anwendungsbeispiel ist hier die Leberzirrhose. Zunächst wurden bei dieser Krankheit nur die Folgen behandelt. Dann ging man dazu über, Leber zu transplantieren, wobei es sich bereits um eine Form der Zelltherapie handelt. Allerdings ist das Risiko von Abstoßungsreaktionen dabei sehr hoch. Die Entwicklung wird dahin gehen, dass man das beschädigte Gewebe gegen neu gezüchtetes austauscht und das Organ an sich unangetastet lässt.

Sie haben sich relativ früh mit Stammzellen aus Nabelschnurblut beschäftigt und darüber publiziert. Inzwischen sind Sie auf diesem Gebiet Experte. Wie sind Sie das erste Mal mit dem Thema in Kontakt gekommen?

Durch einen befreundeten Transfusionsmediziner, der sich aufgrund seiner Spezialisierung damit auseinander gesetzt hat. (Anm. d. Red.: Transfusionsmediziner beschäftigen sich mit der Gewinnung von Blutkonserven und dem Ausbau von Blutbanken zum Zwecke der Anwendung bei Patienten). Er hat mich als Gynäkologen 1998 gefragt, ob das Nabelschnurblut bei der Geburt eines Kindes gewonnen werden kann und wie das Ganze abläuft. Dadurch erst wurde mein eigenes Interesse an dem Thema geweckt, woraus sich dann mein intensives Engagement dafür entwickelte.

Was hat sich seit damals im Bewusstsein von Eltern oder Gynäkologen geändert?

Das ist regional sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie das Thema politisch von den jeweiligen Fachgesellschaften betrachtet wurde. Die ersten Medienberichte darüber, was man plötzlich alles mit Stammzellen wie jenen aus dem Nabelschnurblut machen könne, waren etwas verfrüht. Rückblickend erinnert das an andere ”Hypes” wie die Biotech- oder die Internet-Blase. Bald stellte sich heraus, dass die Ideen, die auf diesem Gebiet vorgetragen wurden, bei weitem nicht so schnell umsetzbar waren, wie manche es sich vorstellten. Dadurch entwickelte sich in der Öffentlichkeit eine gewisse Skepsis gegenüber der Stammzellthematik. Zunächst waren noch viele offene Fragen zu klären, und zwar in allen Bereichen – ob nun Abnahme, Lagerung oder rechtliche Situation. Auch die Einstellung der Ärzte zu Stammzellbehandlungen war sehr uneinheitlich. Das Ergebnis dieser Unklarheiten war, dass sich zum Thema (Privat-)Einlagerung von Nabelschnurblut zahlreiche kritische Stimmen zu Wort meldeten. Diese meinten, das Ganze sei ein zweifelhaftes Geschäft, und die Heilungsmöglichkeiten seien nur ein vages Versprechen. So geriet die Einlagerung des Blutes aus der Nabelschnur vor allem in Österreich und Deutschland anfangs etwas in Verruf. Mittlerweile ist es aber so, dass es immer mehr fundierte Anwendungsmöglichkeiten des Blutes aus der Nabelschnur gibt. Deshalb rehabilitiert sich das Thema langsam, wobei leider der Informationsstand mancher meiner Kollegen noch immer schlecht ist. Weiterhin gibt es negative Sichtweisen zum Thema Nabelschnurblut, die einfach unbegründet sind.

Wie könnte man die Gynäkologen besser aufklären?

Das ist relativ schwer, auch wenn sich der Zelltherapie-Verein intensiv darum kümmert. Wirksame Aufklärungsarbeit, insbesondere über die Medien, ist jedoch teuer. Aber mit jeder neuen, erfolgreich durchgeführten Anwendung von Nabelschnurblut erhält das Thema mehr Relevanz für Ärzte und erreicht auch eine bessere Mediendurchdringung. Deshalb ist es eine Frage der Zeit, bis das Thema in den Augen der Mediziner und der Öffentlichkeit vollständig positiv betrachtet wird. Bis dahin braucht man vor allem Geduld.

Wie haben sich die Ansichten der Eltern gegenüber dem Thema verändert, seit Sie sich erstmals damit befasst haben?

Die Einstellung der informierten Eltern war von Anfang an relativ konträr zu der der wissenschaftlichen Lobby: Als diese die Entnahme von Nabelschnurblut noch sehr stark kritisierte, haben einige Eltern bereits geradezu auf ihr Recht gepocht, das Blut aus der Nabelschnur entnehmen zu lassen. Doch nach wie vor erreicht das Thema zahlreiche Menschen nicht. Zwar wissen inzwischen viele über die Möglichkeit der Einlagerung Bescheid, aber bei weitem noch nicht alle. Die mangelnde Aufklärung hängt unter anderem damit zusammen, dass die Medien sich dem Nabelschnurblut oft nur in Form von Schlagzeilen widmen, die meist entweder extrem positiv oder extrem negativ klingen. Dadurch werden Nicht-Fachleute verunsichert. Aber auch hier gilt: Je mehr erfolgreiche Anwendungen stattfinden, desto besser wird der Informationsstand werden.

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