Immer häufiger kommen Stammzellen in der Medizin zum Einsatz

Prof. Dr. med. Karl H. WelteIm letzten Teil unseres Gespräches mit Prof. Dr. med. Karl H. Welte spricht der Mediziner und Experte für Stammzelltransplantation schließlich darüber, wieso das Nabelschnurblut derzeit noch weniger bei Transplantationen von Stammzellen zum Einsatz kommt als Knochenmark. Darüber hinaus gibt er uns eine Einschätzung über die Bedeutung von Stammzellen im Bereich der Regenerativen Medizin für die kommenden Jahren.

In Deutschland herrscht eine paradoxe Situation vor: Die Vorteile der Stammzellen aus Nabelschnurblut werden  – wie auch von Ihnen – zunehmend betont, bei Transplantationen wird jedoch meistens noch auf Stammzellen aus Knochenmark zurückgegriffen. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Es ist prinzipiell möglich, auch Stammzellen aus Nabelschnurblut für die Therapie zu verwenden. Ein Nachteil ist jedoch, dass die Zellzahl manchmal nur begrenzt ist. Für die Behandlung von Kindern ist diese Menge durchaus ausreichend – bei Erwachsenen nicht immer. Oftmals müssen zwei oder drei Nabelschnurblut-Proben zusammengelegt werden, um eine genügend große Anzahl an Stammzellen zu gewinnen. Das Mischen der Präparate ist prinzipiell möglich. Vorausgesetzt, die Gewebemerkmale stimmen überein. Einen Nachteil bringt dieses Vorgehen allerdings mit sich: Die Therapie kostet damit doppelt bis dreifache wie eine herkömmliche Knochenmarktransplantation. Da auch die Spitzenverbände der Krankenkassen an dieser Entscheidung beteiligt sind und natürlich so effizient wie möglich arbeiten wollen, unterstützen sie diese Vorgehensweise nicht.

Ein weiterer Grund, warum Nabelschnurblut weniger Verwendung findet als Knochenmark ist seine noch geringe Verfügbarkeit. Nabelschnurblut wird ja erst seit wenigen Jahren konserviert. Denn der Anteil an Spenden aus Quellen wie dem Knochenmark und dem peripheren Blut liegt bei zirka 90 Prozent. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, eine Spende aus Nabelschnurblut für eine Transplantation zu erhalten, sehr gering.

Was sind weitere Einsatzgebiete der Stammzellen, neben der Onkologie und der Hämatologie?

Bei der Anwendung von Stammzellen im hämatologischen Bereich darf nicht vergessen werden, dass auch angeborene Erkrankungen des Blutbildungssystems, also nicht nur aplastische Anämie, sondern auch Neutropenie, Thrombozytopenie und Sichelzellanämie therapiert werden können. Auch vererbte Erkrankungen des Stoffwechsels und viele weitere Indikationen gehören zu den Einsatzgebieten von Stammzelltransplantationen. Bei der Therapie angeborener Krankheiten kommen allerdings Stammzellen fremder Spender zum Einsatz. Denn im Falle einer autologen Transplantation besteht die Gefahr, dass die Erkrankung des Empfängers wieder mit übertragen wird. Zukünftig hoffen wir auch Defekte des Nervensystems und anderer Organe, wie der Leber oder dem Herz, mit Hilfe von Stammzelltransplantationen zu heilen. Hier liegen bisher jedoch noch keine überzeugenden Daten aus dem klinischen Alltag vor.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von Stammzelltransplantationen im Bereich der Regenerativen Medizin ein?

Wir werden in den nächsten Jahren rasante Entwicklungen erwarten, denn immer häufiger kommen Stammzellen in der Regenerativen Medizin zum Einsatz. Dabei werden besonders iPS – induzierte pluripotente Stammzellen, differenzierte Zellen die auf den Status einer embryonalen Stammzelle zurück entwickelt werden – von Bedeutung sein. Allerdings könnte sich die bisherige Herstellungsmethode dieser Zellen zu einem Problem entwickeln. Bisher werden die induzierten pluripotenten Stammzellen mit Hilfe von viralen Vektoren hergestellt. Damit wird aber die Entartung zu Krebszellen gefördert. Deshalb ist diese Vorgehensweise noch nicht reif für die klinische Anwendung, sondern muss erst in wissenschaftlichen Tests untersucht werden. Darum ist es sicherer, sich bis dahin auf den Einsatz „natürlicher“ Stammzellen (Anm. d.  Red.: Stammzellen aus Körpergewebe, wie beispielsweise Nabelschnurblut und Knochenmark) zu konzentrieren.

Was halten Sie von der Einlagerung von Nabelschnurblut als private Gesundheitsvorsorge?

Wenn Eltern beschließen, das Nabelschnurblut ihrer Kinder einzulagern, ist das ihre eigene Entscheidung und keine medizinische Erwägung. Aus heutiger Sicht, kann noch nicht eingeschätzt werden, welches medizinische Potenzial Nabelschnurblut in Zukunft haben wird. Es ist eine schwierige Prognose. Ich befürworte allerdings, dass einige der privaten Nabelschnurblutbanken die Option anbieten, das eingelagerte Nabelschnurblut als Spende freizugeben. Es könnte eine zusätzliche Motivation für die Eltern sein, zu wissen, dass sie einem Menschen helfen könnten, der nicht zwangsläufig zur Familie gehört. Durch diese Möglichkeit könnte sich auch das Netzwerk von Stammzell-Spendeeinrichtungen vergrößern, um deutschlandweit mehr Gebiete abzudecken. An der Spendebereitschaft selbst muss jedoch weiterhin gearbeitet werden, so dass in Zukunft genügend Proben für Transplantationen zur Verfügung stehen. Allerdings ist hier vor allem eines dringend notwendig – intensive Aufklärungsarbeit.

Sie sind neben Ihrer Tätigkeit als Kinderarzt im Bereich der Stammzellforschung tätig und haben dabei die Wachstumsfaktoren der Blutstammzellen entdeckt. Was hat Sie bewogen, von der Klinik in die Forschung zu gehen?

Ich war nach dem Examen in einer Klinik tätig und bin dort Kinderarzt geworden. Erst danach habe ich mit meiner Forschung begonnen. Das Ziel war von Anfang an, Forschung und klinischen Alltag zu verbinden. Mein Motto lautet deshalb auch: „Aus der Klinik lernen für die Forschung und aus der Forschung lernen für die Klinik“. Ich versuche, neu gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse so gut wie möglich in die tägliche Praxis einzubringen. Denn meiner Meinung nach hat dieser Bereich das größte Zukunftspotenzial.

Eine Verbindung zwischen Klinik und Forschung bietet sich besonders an, da es viele Berührungspunkte gibt: Ich stelle in einem ersten Schritt die Erkrankungen der Patienten fest und versuche im Anschluss, im Rahmen meiner Forschung neue Therapieansätze zu entwickeln. Bestes Beispiel dafür sind Blutbildungsstörungen: Ich habe Patienten mit einem entsprechenden Krankheitsbild behandelt und den Schluss gezogen, dass ein Defekt der Stammzellen der Auslöser der Erkrankung sein könnte. Im Rahmen meiner Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet habe ich dann den Wachstumsfaktor G-CSF gefunden. Darunter ist ein Zellhormon zu verstehen, das die Stammzellen vom Knochenmark ins Blut mobilisiert. So müssen die Stammzellen nicht länger aufwendig durch eine Knochenmarkspunktion gewonnen werden, sondern können direkt aus dem Blut gesammelt werden. Der Hintergedanke war dabei, den Patienten bei der Entnahme von Stammzellen so weit wie möglich zu schonen. Der Fund des Wachstumsfaktors führte zu einem Paradigmenwechsel innerhalb der Stammzelltransplantationen, der das Knochenmark als bis dahin einzige Quelle von Stammzellen in Frage stellte. Die Gewinnung von Stammzellen aus dem peripheren Blut kommt heute weltweit in der klinischen Praxis zur Anwendung. So kann mit Hilfe des Wachstumsfaktors Kindern mit angeborenen Stoffwechselkrankheiten eine normale Lebensqualität garantiert werden; während diese Patienten früher an Infektionen gestorben sind.

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2 comments
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  1. Da kann man nur sagen ,wenn es Heilung gäbe wäre das eine wunderbare Sache.

  2. Hallo Frau Raimann,

    Heilung folgt: http://www.biotechnologie.de/BIO/Navigation/DE/root,did=108260.html?listBlId=74462

    Ihr Redaktionsteam

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