Nabelschnurblut – Vereinbarkeit von Forschung und privater Einlagerung
Mütter, die in der Frauenklinik der Technischen Universität in München entbinden, können wählen – zwischen der privaten Einlagerung des Nabelschnurblutes oder dessen Spende für die Forschung. Jedoch ist die Einlagerung bei einer öffentlichen Nabelschnurblutbank nicht möglich. Im Interview erklärt der gynäkologische Oberarzt des Krankenhauses, Dr. med. Volker Jacobs, warum das so ist.
Was raten Sie werdenden Eltern, wenn Sie sich in Ihrer Klinik über die Aufbewahrung des Nabelschnurblutes Ihres Kindes informieren?
In jeder Klinik gibt es Elternabende, in denen werdende Eltern den Kreissaal besichtigen. Dabei gibt es häufig Fragen zum Thema Einlagerung von Nabelschnurblut. Da wir als Ärzte einer Universitätsklinik kein persönliches oder finanzielles Interesse an der Einlagerung von Nabelschnurblut haben, können wir wertfrei über den Nutzen und die Möglichkeiten informieren. Wir raten den Eltern auch, sich direkt an die entsprechenden Institutionen zu wenden; vielfältige Informationen zum Thema Nabelschnurbluteinlagerung sind auch im Internet erhältlich. Die Entscheidung darüber müssen sie aber immer selbst treffen. Ratschläge für diese persönliche Entscheidung kann ich hier nur begrenzt geben.
Wie viele Eltern haben in Ihrem Klinikum schon Nabelschnurblut entnehmen lassen?
Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, weil wir darüber keine Statistik führen. Aber geschätzt liegt die Anzahl sicher im dreistelligen Bereich. Im Rahmen des STEMMAT-Projektes haben wir bis heute über 3.600 Nabelschnurblutproben gesammelt und konnten dadurch vielfältige Erfahrungen, was die Abnahme und den Umgang mit Nabelschnurblut angeht, gewinnen. Werdende Mütter, die bei uns das Nabelschnurblut entnehmen lassen wollen, können sich sicher sein, dass dies auf hohem Niveau und mit großer Kompetenz geschieht.
Warum können Eltern in Ihrer Klinik das Nabelschnurblut ihres Kindes nicht an eine öffentliche Blutbank spenden?
Grundsätzlich haben wir nichts gegen die Zusammenarbeit mit öffentlichen Nabelschnurblutbanken. Ich selbst habe mich schon um eine Zusammenarbeit bemüht. Doch es ergab sich ein Interessenkonflikt zwischen unserer Forschung und dem Wunsch der öffentlichen Nabelschnurblutbanken, möglichst viele Blutproben einzulagern. Das STEMMAT-Projekt läuft auch ohne die Unterstützung des Freistaates Bayern seit 2005 weiter und wir brauchen dafür Mütter, die das Nabelschnurblut spenden. Die Zusammenarbeit mit einer öffentlichen Nabelschnurblutbank hätte jedoch die Abgabe jeder Nabelschnurblutprobe bedeutet. So haben wir uns für unsere Forschung und gegen eine Kooperation entschieden, haben aber prinzipiell nichts gegen öffentliche Banken, die Nabelschnurblut einlagern.
Privaten Nabelschnurblutbanken wird häufig vorgeworfen, sie verringern die Zahl der Spenden – entweder für die so genannten Spendebanken oder für die Forschung. Wie stehen Sie dem gegenüber?
Wir haben das für unsere Nabelschnurproben und Nabelschnurblutproben der letzten Jahre analysiert und festgestellt, dass private Einlagerungen mit zirka ein bis zwei Prozent am Gesamtanteil, unsere Forschung nicht wesentlich einschränken. Es ist damit ein zu vernachlässigender Anteil, so dass keine Konkurrenz zwischen privaten Nabelschnurblutbanken und der Wissenschaft entsteht. Im Gegensatz dazu sind öffentliche Nabelschnurblutbanken ein Konkurrent für die Stammzellforschung, da öffentliche Nabelschnurblutbanken möglichst alle Nabelschnurblutproben bekommen wollen, somit für die Forschung keine Proben mehr übrig blieben. Einzig aus diesem pragmatischen Grund hat die Frauenklinik der Technischen Universität München als Stammzellforschungszentrum seit Jahren keine Zusammenarbeit mit öffentlichen Nabelschnurblutbanken.
Derzeit nutzen in Deutschland nur etwa zwei bis drei Prozent der werdenden Eltern die Möglichkeit, das Nabelschnurblut ihres Kindes aufzubewahren. Was glauben Sie: Wird es eines Tages Routine in unseren Kreissälen sein?
Viele Dinge brauchen Zeit, um sich im Alltag zu etablieren – gerade im Hinblick auf technische Veränderungen. Wer hätte jemals gedacht, dass wir heute so selbstverständlich mit Computer, E-Mail oder SMS umgehen? Es wird in den nächsten Jahren große Umgestaltungen im Gesundheitssystem geben – wobei dabei natürlich der Finanzierungsrahmen eine Rolle spielt. Die Frage ist: Inwieweit wird sich jeder Einzelne in Zukunft an Gesundheitsleistungen beteiligen oder sogar beteiligen müssen? Die private Einlagerung von Nabelschnurblut ist derzeit noch als Eigenvorsorge anzusehen. Ich denke dennoch, dass die Zahl derjenigen, die auf diese Art vorsorgen, steigen und die Akzeptanz diesbezüglich weiter zunehmen wird. Erfolge in der klinischen Anwendung von Stammzellen aus Nabelschnurblut könnten dazu einen ganz wesentlichen Beitrag leisten.
In Großbritannien ist es gesetzlich erlaubt, Kinder im Reagenzglas zu zeugen, um mit deren Nabelschnurblut kranken Geschwistern zu helfen. Wie stehen Sie als Arzt und Stammzellexperte zu dieser Möglichkeit?
In Deutschland ist diese Praxis gesetzlich verboten. Als Arzt sehe ich dies aber als eine grundsätzliche Möglichkeit an, einem Patienten in Not zu helfen. Persönlich versuche ich, mich in die Lage der Eltern zu versetzen. Wenn ich mir vorstelle, ein Elternteil zu sein, dass ein krankes Kind hat, würde ich auch alles in Bewegung setzen, um eine schnelle Heilung zu ermöglichen. Unter diesem Aspekt kann ich mir gut vorstellen, was in England passiert. Für Deutschland sehe ich hier derzeit weder den gesellschaftlichen noch politischen Rahmen, um das einzuführen. Medizin kennt aber keine räumlichen Grenzen und die allgemeine Globalisierung schreitet voran, auch in der Medizin. Ich denke, dass Menschen sich zukünftig mit ihren Gesundheitsproblemen grenzüberschreitend dorthin begeben werden, wo sie Hilfe bekommen, und dass ein selbstverständlicher Medizintourismus entstehen wird, in die Länder, wo sich Menschen Hilfe für ihr Problem erhoffen. Die noch ungleichen Gesetze in Europa machen es derzeit nicht nur der Forschung, sondern auch der konkreten Anwendung von medizinischer Diagnostik und Therapie schwer. Langfristig bin ich aber überzeugt, dass sich die Gesetze und Forschungsbedingungen in einem gemeinsamen Markt Europa – mehr aus Pragmatismus denn aus Weitsicht der Politiker – angleichen werden.