Zum Thema Nabelschnurblut sind noch viele Detailfragen zu klären

Prof. Dr. Wolfgang HolzgreveSeit Ende letzten Jahres ist Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Freiburger Universitäts-Klinik. Der Gynäkologe, der zuvor bereits 14 Jahre die Basler  Universitäts-Frauenklinik geleitet hat, setzt sich im Rahmen seiner täglichen Arbeit mit dem Thema Nabelschnurblut auseinander. Im dritten Teil unseres Interviews spricht er unter anderem über die Rolle des Staates und die Notwendigkeit, auf dem Gebiet der regenerativen Medizin immer weiter zu forschen und neue Erkenntnisse, zum Beispiel über den Zeitpunkt und die Art der Dosierung von Stammzellen, zu gewinnen.

Sehen Sie auch den Staat in der Pflicht, sich dafür zu engagieren?

Üblicherweise werden Richtlinien wie diese von Experten gemacht und das sind auf diesem Gebiet die Mediziner – weniger der Staat. Aber er könnte sich auf andere Weise in Sachen Nabelschnurblut engagieren: So gibt es in mehreren Ländern Gelder für öffentliche Nabelschnurblutbanken (die sich in Deutschland über Spenden finanzieren, Anm. d. Red.). Außerdem ist der Gesetzgeber in der Pflicht, wenn es darum geht, Regeln festzulegen, die die Herstellung von Nabelschnurblut-Präparaten betreffen. Diese werden in der Bundesrepublik als Arzneimittel angesehen, so dass es bei ihrer Produktion strenge staatliche Auflagen einzuhalten gilt.

Es gibt inzwischen Stammzelltherapien, die in utero, also noch vor der Geburt im Mutterleib, durchgeführt werden. Welche Krankheiten können auf diese Weise behandelt werden, und wie sehen die Therapien konkret aus?

Die bisherigen Forschungen fanden größtenteils im Tiermodell statt. Es gibt noch wenige Anwendungen beim Menschen, allerdings sind einige davon bereits erfolgreich. Bei ungeborenen Kindern mit Immundefizienz konnte durch Stammzell-Transplantationen im Mutterleib eine Heilung erreicht werden. Leider hat das bei anderen Erbkrankheiten noch nicht funktioniert. Wir sind dabei, die Mechanismen zu erforschen, die dazu geführt haben, dass weitere Erfolge bisher ausgeblieben sind. Um künftig bessere Resultate zu erzielen, muss man herausfinden, zu welchem Zeitpunkt diese Transplantationen am besten durchgeführt werden sollten, welche Arten von Zellen verwendet werden müssen und in welcher Dosierung. Es sind also sehr viele Detailfragen zu klären. Ausgangspunkt ist dabei, dass das Knochenmark beim Kind erst in der frühen Schwangerschaftsphase besiedelt wird. Zu diesem Zeitpunkt sollten die Stammzellen eingebracht werden, damit sie im Idealfall als eigene Zellen akzeptiert werden.

Wie kommt es zu diesen Störungen des Immunsystems?

Bestimmte Formen von ihnen treten auf, weil, vereinfacht gesprochen, das Knochenmark länger als normal ”leer” ist, also weil die Stammzellen anfangs fehlen.

Und wie bekommen Sie sie ins Knochenmark hinein?

Dafür machen wir uns die großen Fortschritte zunutze, die es bei der Ultraschall-Technologie gegeben hat, und die Methoden, mit deren Hilfe man mit sehr dünnen Nadeln und optischen Instrumenten in die Gebärmutter hineinkommt, ohne dort Verletzungen zu verursachen. Die Zellen werden entweder in den Bauchraum gebracht, von wo aus sie von selbst ins Knochenmark wandern. Oder aber sie werden direkt – in die Nabelschnur hinein gegeben und dann vom Kind aufgenommen. Auf dieselbe Weise werden übrigens auch ungeborene Kinder behandelt, die bei einer Blutgruppenunverträglichkeit wegen ihrer Blutarmut dringend rote Blutzellen brauchen. Diese werden in das Kind hineingebracht, um so die Zeit bis zur Geburt zu überbrücken.

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