Entnahme von Nabelschnurblut in den USA und Frankreich wesentlich präsenter

Dr. Martin Imhof zum Stellenwert von NabelschnurblutDie Stammzellforschung ist eine junge Wissenschaft, die noch Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, benötigt, um breite Anwendung zu finden. Der Wiener Geburtsmediziner und Nabelschnurblutexperte Dr. Martin Imhof spricht im vierten Teil unseres Interviews über heutige Einsatzmöglichkeiten von Stammzellen im nicht-onkologischer und onkologischer Bereich. Daneben gibt er einen Einblick über die Verhältnisse in anderen Ländern und betont die Notwendigkeit, die Stammzelltherapie infrastrukturell, wirtschaftlich und philosophisch zu etablieren.

Welchen Stellenwert hat das Blut aus der Nabelschnur heute für die Bekämpfung von Krankheiten? Wird es schon häufig angewendet?

Besonders oft wird es noch nicht genutzt. Insbesondere die nicht-onkologische Anwendung der darin enthaltenen Stammzellen ist bislang selten, wenn sie auch immer wieder vorkommt. So werden mittlerweile etwa Knorpel- oder Herzklappengewebe gezüchtet. Allerdings zählt das noch zum Bereich der Forschung. Die routinemäßige Anwendung findet bisher vor allem im onkologischen Bereich statt, und da hängt viel davon ab, welche Schwerpunkte im Gesundheitssystem eines Landes gesetzt werden. Österreich hat zum Beispiel eine sehr gut etablierte Knochenmarkbank, so dass Stammzellen hier eher aus dem Mark gewonnen werden. In Frankreich und in Teilen der USA hingegen werden traditionell mehr Nabelschnurblut-Stammzellen benutzt – dort ist die Entnahme des Blutes wesentlich präsenter und bereits Routine. Demgegenüber ist die Verbreitung in Deutschland, wo das Thema sehr kontrovers diskutiert wird, noch nicht ganz so groß. Hier sind zudem die Onkologen und Hämatologen noch sehr uneins, ob sie lieber eine geringere Abstoßungsgefahr und dafür eine längere Anwachszeit hätten, wie es bei Nabelschnurblutzellen der Fall ist, oder eben andersherum mit Knochenmark – das muss die Wissenschaft noch klären. Durch das Sammeln der Nabelschnurblut-Spenden und die Möglichkeit der Expansion der Präparate ist noch einiges offen und entwicklungsfähig.

Ist die Anwendung von Nabelschnurblut in Bereichen außerhalb der Onkologie also nur noch eine Frage der Zeit?

Ja, und das trifft auch auf die Verwendung von Stammzellen im Allgemeinen zu. Knorpelzellen wurden ja schon produziert. Allerdings wurden bisher Gewebe aus gealtertem Material hergestellt, und das sind Zellen, die nicht das Optimum erbringen. Der nächste Schritt ist, dass neues Gewebe aus autologen Stammzellen, und zwar idealerweise aus jungen Zellen, hergestellt wird. Dann kann man diesen Alterungseffekt eliminieren, weil junges Gewebe teilungsfreudiger ist – das bringt die Zelltherapie sehr weit voran. Bis die Entwicklung aber so weit ist, wird noch viel Zeit vergehen. Damit Stammzellen in Zukunft tatsächlich breit angewendet werden, ist viel Verständnis für die Zelltherapie erforderlich – sie muss sich infrastrukturell, wirtschaftlich und philosophisch etablieren. Das ist ein langer Weg, der sicherlich noch Jahrzehnte benötigen wird. Aber wir werden ihn beharrlich verfolgen.

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