Die Entnahme von Nabelschnurblut ist medizinisch sehr sinnvoll

Professor Stepan hat bereits über 600 mal Nabelschnurblut entnommen.Prof. Dr. Holger Stepan leitet seit zwei Jahren die Abteilung für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Seit 1995 hat der Mediziner viele schwangere Frauen betreut und zahlreiche Nabelschnurblut-Entnahmen durchgeführt. Im Interview berichtet Stepan von seinen Erfahrungen auf diesem Gebiet, von Forschungen sowie der neuen Möglichkeit, das Blut aus der Nabelschnur nun für die Öffentlichkeit zu spenden. Im ersten Teil des Gesprächs erklärt der Wissenschaftler zudem ein Frühwarnsystem für Bluthochdruck bei Schwangeren, das sein Forschungsteam entwickelt hat.

Wie viele Frauen haben Sie im Laufe Ihrer Tätigkeit am Leipziger Uniklinikum bisher betreut?

Ich habe gar nicht mitgezählt: Es sind inzwischen sehr viele – ich arbeite immerhin schon seit 1995 in der Geburtsmedizin der Klinik.

Gab es in dieser Zeit einen ganz besonderen Moment, an den Sie sich erinnern?

In der Geburtsmedizin gibt es ständig solche Momente, nämlich immer dann, wenn ein Kind zur Welt kommt. Privat war für mich natürlich die Geburt meines eigenen Sohnes von großer Bedeutung. Ich habe ihn allerdings nicht selbst zur Welt gebracht, denn das ist in meiner Branche nicht üblich. Wir trennen Privates und Berufliches strikt voneinander.

Sie forschen mit Ihren Kollegen zum Thema Bluthochdruck und haben auf diesem Gebiet ein Frühwarnsystem für Schwangere entwickelt. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Die Erforschung des Bluthochdrucks in der Schwangerschaft ist ein Schwerpunkt unserer Abteilung. Bei dem von Ihnen angesprochenen Projekt geht es um eine Hochdruckerkrankung in der Schwangerschaft, die man Präeklampsie nennt und die für Mutter und Kind eine sehr ernstzunehmende Sache ist. Der hohe Blutdruck ist dabei mit Eiweißausscheidungen im Urin und mit Wassereinlagerungen verbunden. Mit der Krankheit einher geht außerdem eine gestörte Plazentafunktion, sprich eine Unterversorgung des Kindes. Ergebnis: Viele Schwangerschaften mit Präeklampsie müssen sehr früh beendet werden, weil es keine Behandlungsmöglichkeit gibt. Somit führen wir Frühgeburten herbei, was natürlich problematisch ist. Bei unserem Forschungsprojekt geht es nun konkret um die Früherkennung von Präeklampsie mit Hilfe von Markern – Proteinen, die sich im Blut nachweisen lassen. Dadurch können wir die Erkrankung zwar noch nicht behandeln, aber wir können zumindest jene Frauen, die das höchste Risiko haben, schneller identifizieren und sie gezielt betreuen.

Gehört dieser Test zu den Standard-Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere?

Nein, er gehört bisher nicht zum Standard, denn bis vor kurzem war er noch nicht ”marktreif”. Erst ab diesem Jahr werden die großen Laboratorien in Deutschland entsprechend ausgestattet. Dann kann die Untersuchung, die unsere Forschergruppe entwickelt hat, künftig routinemäßig durchgeführt werden.

Jedes Jahr kommen in Ihrer Klinik zirka 2000 Kinder zur Welt. Wie sind Sie das erste Mal mit der Möglichkeit in Kontakt gekommen, dass man dabei auch Nabelschnurblut entnehmen kann?

Die private Nabelschnurblutbank VITA 34, die wie wir in Leipzig ansässig ist, hat uns eines Tages gefragt, ob wir bereit wären, das Blut aus der Nabelschnur zu entnehmen. Das war 1998, als ich noch ein junger Kreißsaalarzt war. Und da ich gerade Dienst hatte, war ich der Erste, der eine Nabelschnurblut-Entnahme in unserem Krankenhaus vorgenommen hat.

Wie war damals Ihr Kenntnisstand in Sachen Nabelschnurblut?

Zu diesem Zeitpunkt war das Thema ganz neu und die Einlagerung des Blutes war noch nicht sehr verbreitet. Daher wusste ich selbst wenig über Nabelschnurblut. Das war allerdings kein Problem, weil ich – wie mittlerweile alle Kollegen in der Abteilung – für die Entnahme geschult wurde und alles über Nabelschnurblut gelernt habe. Damals war dessen Aufbewahrung übrigens noch etwas Besonderes und Seltenes. Heute hingegen nehmen viele Frauen die Möglichkeit dazu in Anspruch.

Hatten Sie irgendwelche Bedenken, die Entnahme in Ihren Klinikalltag aufzunehmen?

Nein, überhaupt nicht. Wir verstehen uns als Dienstleister und wenn eine Schwangere die Entnahme von Nabelschnurblut wünscht, dann machen wir das.

Tags: , , , , , , ,

5 Kommentare
Kommentar hinterlassen »

  1. [...] Seltenes”, erinnert sich der Arzt, der inzwischen über 600 mal Nabelschnurblut entnommen hat. Klicken Sie hier, um den ersten Teil des Interviews mit Prof. Stepan zu lesen. Mai 15, 2009 | abgelegt unter [...]

  2. Nabelschnurblut ist in den Medien recht populär. Kann man das Blut nun auch “kostenlos” einlagern? Und was ist medizinisch sinnvoll daran?

  3. Hallo Meggie, ja, man kann Nabelschnurblut auch spenden, das ist für die Eltern kostenfrei. Die öffentlichen Spendebanken finanzieren sich über die Abgabe der Präparate, wofür sie etwa 20.000 Euro bekommen. Allerdings geht die Spende nicht in jeder Klinik, da muss man sich vorher informieren, z.B. unter http://www.nabelschnurblut.de/nabelschnurblut/kliniken.shtml und man sollte wissen, dass das Nabelschnurblut dann sehr wahrscheinlich nicht mehr für das eigene Kind zur Verfügung steht, wenn es das einmal brauchen könnte. Eine Spende ist aber genauso sinnvoll wie die Einlagerung fürs eigene Kind, denn es gibt sowohl für fremde als auch für die eigenen Stammzellen viele Anwendungsgebiete. Fremde Stammzellen aus gespendetem Nabelschnurblut werden z.B. für die Behandlung von Leukämie oder anderen Bluterkrankungen eingesetzt, das eigene Nabelschnurblut z.B. bei jugendlichem Diabetes oder bei kindlichen Hirnschäden. Und die Forschung arbeitet an vielen weiteren Einsatzgebieten. Übrigens: man kann bei manchen Banken auch eine Kombination aus Spende und Eigenvorsorge wählen.

  4. [...] Universitätsklinik in Seoul belegt einmal mehr, wie dringend erforderlich es ist, die Zahl der Nabelschnurblut-Entnahmen, sei es zum Eigenbedarf oder als Spende, zu erhöhen. Derzeit wird gerade einmal bei fünf Prozent [...]

  5. [...] verlief dann die Entnahme des Nabelschnurblutes in der [...]

Kommentar hinterlassen

*