“Erst informieren, dann entscheiden.”
Bevor sich Eltern dazu entschließen, das Nabelschnurblut ihres Kindes einzulagern, suchen sie oftmals das Gespräch mit einem Fachmann. Prof. Dr. Volker Ragosch hat als Chefarzt einer Hamburger Frauenklinik viele solcher Beratungen geführt und kann daher die Eltern, die sich für eine Einlagerung interessieren, ganz gut charakterisieren. Außerdem ist es interessant zu erfahren, was er den werdenden Eltern rät. Doch jeder Forscher, Arzt oder Wissenschaftler hat auch eine private Seite: Hier ist er dann Vater, Ehemann oder Freund. Prof. Dr. Volker Ragosch hat eine Tochter, deren Nabelschnurblut er einlagern ließ: Somit kann er von seinen persönlichen Erfahrungen berichten.
Sie waren bei vielen Geburten dabei. Können Sie sich an Momente erinnern, die Sie besonders bewegt haben?
Ja und zwar an die Geburt meiner Tochter vor sieben Jahren in Berlin. Ich selbst habe das Nabelschnurblut damals abgenommen. Den Impuls es einzulagern, gab ein Freund von uns, der zum Thema Stammzellen forscht. Dadurch habe ich einen guten Überblick über die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse und bin Befürworter der Einlagerung von Nabelschnurblut geworden. Auch meine Frau hatte sich mit dem Thema umfangreich auseinander gesetzt.
Eine zweite schöne Geschichte ist, dass wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, um einer jungen Frau das Entnahmeset zu besorgen. Sie hatte sich relativ kurzfristig für die Einlagerung entschieden. Zudem kam das Kind drei Wochen zu früh und das Entnahmeset nicht rechtzeitig bei der Kundin an. Also haben wir bei einer privaten Nabelschnurbank angerufen und es uns sozusagen mit ”Blaulicht” liefern lassen. Das Entnahmeset kam genau zur Geburt des Kindes in den Kreissaal. Es war knapp – aber alles hat geklappt.
Ist die Entnahme für Mutter oder Kind gefährlich?
Nein, überhaupt nicht. Weder Mutter noch Kind merken etwas von der Entnahme. In der Nabelschnur liegen keine Nervenbahnen, so dass keine Schmerzen auftreten. Auch die Sorge, es könne sich um mütterliches Blut handeln, ist völlig unbegründet: Das Blut aus der Nabelschnur ist kindliches Blut und kommt nach dessen Abnabelung aus der Plazenta.
Was raten Sie Eltern, die überlegen Nabelschnurblut einzulagern?
Das ist eine schwierige Frage. Pauschal dazu raten, das Nabelschnurblut seines Kindes einzulagern, würde ich nicht. Denn zurzeit kann bei uns nur privat eingelagert werden, was durch die Eltern finanziert werden muss, und die Wissenschaft ist noch nicht so weit, dass von der ”ultimativen” Vorsorgemöglichkeit gesprochen werden kann. Falls Eltern nicht die finanziellen Mittel bereitstehen, würde ich nur ein schlechtes Gewissen generieren, nicht alles zum Wohle seines Kindes getan zu haben. Das ist nicht der Sinn der Sache. Falls ich nach meiner Meinung gefragt werde, empfehle ich immer, sich umfassend über das Thema zu informieren, wie beispielsweise der aktuelle Stand der Forschung ist.
Könnten Sie die Eltern charakterisieren, die am häufigsten Nabelschnurblut einlagern?
Es sind häufig die besonders gut informierten Eltern, die uns auf dieses Thema ansprechen. Es gibt heutzutage viele Quellen, wo sich Eltern informieren können. Dabei hat das Internet eine große Bedeutung. Es sind zum Großteil Eltern, die sich im Vorfeld der Geburt viel informieren, Vorbereitungskurse besuchen und auch sonst über verschiedene Maßnahmen Bescheid wissen. Heutzutage werden weniger Kinder pro Familie geboren. Erstgebärende sind häufig älter als noch vor ein paar Jahren und genau deshalb ist der Nachwuchs einfach das hohe Gut und es soll jede Chance genutzt werden, um das Kind über einen langen Zeitraum abzusichern.
Das Interview in der Druckversion finden Sie hier.