Die autologe Nabelschnurbluttransplantation ist ein ganz neues Therapiekonzept
Im zweiten Teil unseres Interviews mit der Leiterin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Suchtmedizin am Städtischen Klinikum München-Schwabing, Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler, spricht die Medizinerin darüber, wie sich die Behandlungsmethoden von Typ-1-Diabetes in den letzten Jahren verändert haben. Sie erläutert einen neuen Therapieansatz, bei dem Stammzellen zur Behandlung des Diabetes eingesetzt werden. Erfahren Sie in diesem Teil, welche Potenziale die Wissenschaftlerin dabei dem Nabelschnurblut beimisst.
Wie haben sich die Behandlungsmethoden seit den Anfängen Ihrer Laufbahn verändert?
Wenn jemand Diabetes-Typ-1 hat, ist es so, dass er nicht mehr ausreichend körpereigenes Insulin produzieren kann, weil die Zellen durch einen Entzündungsimmunprozess kaputt gehen und das Hormon folglich nicht mehr ausreichend gebildet wird. Beim Typ-1-Diabetes müssen wir grundsätzlich eine Hormonersatztherapie durchführen. Da aber das Hormon Insulin im Magen-Darm-Trakt verdaut wird und deshalb also keine metabolische Wirkung hat, sprich: den Blutzucker nicht senken kann, wenn man es isst, muss Insulin gespritzt werden. Die Insulintherapie als Ersatztherapie ist sicherlich der Goldstandard des Typ-1-Diabetes und wird so natürlich in variabler Form seit der Entdeckung des Insulins durchgeführt. Es gibt mittlerweile viele Verfeinerungen undes gibt neue Insuline; wir verfügen erstmals nicht mehr nur über Schweineinsulin, sondern können Humaninsulin einsetzen. Die Insulintherapie wird mehr der Mahlzeit angepasst. Es gibt auch eine Pumpentherapie im Kindesalter, die ebenfalls sehr häufig genutzt wird und bei der kontinuierlich Insulin abgegeben wird. All diese Varianten haben dazu beigetragen, dass die Einstellung eines Diabetikers sehr viel besser geworden ist. Darüber hinaus gehen Spätkomplikationen des Diabetes durch die verbesserte Therapie weltweit zurück. Aber dennoch gibt es derzeit noch keine Heilung, so dass eine lebenslange Therapie noch immer notwendig ist. Ein neuer Behandlungsansatz ist die Immuntherapie. Zellen, die bei Diabetes kaputt gehen, sollen durch diese Zellersatztherapie wieder zur Verfügung gestellt werden. Diese Strategie ist jedoch nicht ganz unproblematisch. Man ist heute noch auf der Suche nach einer Methode, die transplantierten Zellen vor einer Immunattacke zu schützen. An dieser Stelle brauchen wir eine Weiterentwicklung.
Wie genau funktioniert so eine Immuntherapie?
Bei diesem Therapieansatz handelt es sich um ein ganz neues Konzept, bei dem einerseits Stammzellen, andererseits auch regulatorische T-Zellen in den erkrankten Patienten transplantiert werden. Damit werden gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man gibt dem Patienten ein Potenzial voll Zellen, also beispielsweise Stammzellen, die im Nabelschnurblut vorhanden sind. Diese können in die Bauchspeicheldrüse wandern und sich regenerieren. Zudem gibt man die Stammzellen gemeinsam mit sehr vielen T-regulatorischen Zellen, die ebenfalls im Nabelschnurblut enthalten sind. Diese haben zwei Aufgaben: sie versuchen einerseits die falsch gelaufenen Immunantworten zu regulieren, und andererseits sollen sie verhindern, dass die neu gebildeten Zellen gleich wieder attackiert werden. Das ist ein ganz neuer Ansatz, den wir derzeit verfolgen, indem wir Patienten mit neu ausgebrochenem Diabetes ihr eigenes Nabelschnurblut transplantieren.Wir machen derzeit eine Pilotstudie zu dieser sogenannten autologen Nabelschnurbluttransfusion bei Kindern mit Typ 1 Diabetes. Das heißt, es werden Kinder behandelt, deren Nabelschnurblut bei der Geburt eingefroren wurde. Dies geschieht selbstverständich völlig schmerzfrei und ohne Nachteil für das Neugeborene. Da es sich um körpereigenen Zellen handelt sind keine Transplantatabstoßungen oder Nebenwirkungen durch Immunsuppressiva zu erwarten, wie wir es bei Transplantation von körperfremden Material erwarten müssen. Zudem wird darauf geachtet, dass jegliche Risiken durch eine solche Transfusion ausgeschlossen werden können. Das ist ein ganz neues Therapiekonzept. Wir haben gerade erst angefangen mit der Therapie. Bisher haben wir zwei Kinder auf diese Weise behandelt, in Kürze steht der Transplantationstermin für das dritte Kind bevor. Für Ergebnisse ist es zurzeit aber noch zu früh, da wir noch nicht wissen, wie erfolgreich wir mit diesem Ansatz sind und sein werden.
Sie sprachen von regulatorischen T-Zellen. Können Sie bitte diesen Zelltyp etwas näher beschreiben?
Unser Immunsystem besteht aus unterschiedlichen Zelltypen. Da gibt es sozusagen gute und böse Zellen. Die ”Bösen” sind die so genannten Killer-T-Zellen, die eigentlich wichtig sind bei jeder Infektion, bei jedem Fremdkeim, der in unseren Körper eindringt. Sie fungieren gewissermaßen als ”Polizei”, die aufpasst, dass dem Körper nichts passiert. Aber diese Zellen wirken dummerweise bei Autoimmunkrankheiten gegen die körpereigenen Strukturen. Es gibt aber noch die regulatorischen Zellen. Diese regulieren eine Immunantwort. Bei einer Grippe, beispielsweise, benötigt man ”die Polizei” ja auch nicht unentwegt. Diese regulatorischen Zellen scheinen bei Autoimmunkrankheiten zu fehlen oder nicht ausreichend vorhanden zu sein. Solche Zellen befinden sich zum Beispiel im Nabelschnurblut. Sie sind dort in großen Mengen vorhanden, und das ist für uns sehr wichtig bei einer solchen Transfusion. Wir unterstützen damit den regulatorischen Kontrollprozess oder setzen ihn sogar wieder vollständig in Gang.
Warum ist körpereigenes Nabelschnurblut für diese neue Form der Therapie geeigneter als Fremdes?
Da ist das Eigene insofern günstiger als das Fremdblut, weil Letzteres eine Fremdreaktion im Körper hervorruft. Wenn man körpereigenes Nabelschnurblut nutzen können, ist das sehr viel günstiger, weil die ganze Problematik der Abstoßung entfällt.
Sie sprachen davon, dass die Ursache für Diabetes auch genetisch bedingt sein könnte. Kann man denn bei der Transfusion des eigenen Nabelschnurblutes ausschließen, dass dieser genetische Defekt nicht bereits beinhaltet ist?
Nachdem, was wir heute wissen, handelt es sich nicht um einen Gendefekt, sondern um eine erhöhte Empfänglichkeit für Autoimmunität. Das bedeutet, dass viele verschiedene Gene dafür verantwortlich sind, ob sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Damit könnte die Veranlagung über das Nabelschnurblut weitergegeben werden. Allerdings enthält das Nabelschnurblut auch sehr viele regulatorische Zellen, von denen wir annehmen, dass diese die Kontrolle über eine fehlgeleitete Immunantwort übernehmen können. Körperfremdes Nabelschnurblut zu nutzen, ist jedoch im Moment keine Alternative, da wir dann Immunsuppressiva dazu geben müssen, um die Abstoßung zu verhindern. Dies könnte im Ergebnis das Krankheitsbild sogar verschlimmern.
Den ersten Teil des Interviews mit Frau Prof. Ziegler lesen Sie hier: http://www.nabelschnurblut-experten.de/neue-strategien-um-typ-1-diabetes-endgultig-zu-heilen/1521
Zum dritten Teil des Interviews gelangen Sie hier: http://www.nabelschnurblut-experten.de/wir-benoetigen-neue-behandlungsmethoden-fur-diabetes-ziegler3/1527