Der Bedarf an Stammzellen für Forschung und Therapie ist riesig
Im letzten Teil unseres Gespräches mit Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve spricht der Gynäkologe unter anderem über die Einsatzgebiete der aus dem Nabelschnurblut gewonnenen Stammzellen. Darüber hinaus erklärt der leitende Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende der Freiburger Universitätsklinik die Potenziale der Stammzelltherapie und verdeutlicht, dass die Stammzellen des Nabelschnurblutes als Alternative zu den Knochenmarkstammzellen einen Riesenfortschritt darstellen.
Welche Krankheiten könnte man in Zukunft noch mit Stammzell-Transplantationen schon vor der Geburt therapieren?
Wir haben die Hoffnung, Erbkrankheiten behandeln zu können, bei denen zum Beispiel ein Enzym fehlt, das die zugeführten Zellen dann produzieren können. Dabei denke ich an Speicherkrankheiten (Stoffwechselstörungen, bei denen es zu Ablagerungen im Körper kommt, Anm. d. Red.). Bei diesen beträgt das Rückfallrisiko eines betroffenen Kindes in der Regel 25 Prozent. In den Familien tragen beide Eltern die Anlage für die Krankheit in sich, deshalb ist bei jeder Schwangerschaft die Sorge groß, dass das Kind ebenfalls erkrankt. Speicherkrankheiten führen häufig zum Tode. Deshalb wäre es ein sehr großer Fortschritt, wenn die sonst fehlenden Enzyme stabil durch Stammzellen produziert werden könnten.
Werden Kinder mit Hilfe des Nabelschnurblutes auf derartige Krankheiten untersucht oder wird dazu das Fruchtwasser verwendet?
Nein, die Diagnose, ob das Kind betroffen ist, erfolgt mittels Gewebeentnahmen in der zehnten Schwangerschaftswoche mit einer sogenannten Choriobiopsie. Dabei werden Teile vom Rand der Plazenta entnommen. Das geschieht entweder mittels Nadeln oder durch einen Katheter und kann sehr viel früher stattfinden als eine Fruchtwasseruntersuchung.
Wo sehen Sie die Möglichkeiten und Grenzen der Stammzelltherapie?
Im Bereich der blutbildenden Stammzellen sind nach der Geburt die Therapien sehr gut etabliert. Zehntausende von Transplantationen sind bereits erfolgreich durchgeführt worden, da der Bedarf groß ist. Dass es die Zellen aus dem Nabelschnurblut als Alternative zu Knochenmarkstammzellen gibt, ist ein Riesenfortschritt. Weiterhin hoffen wir, dass wir mit pluripotenten Stammzellen, die sich in verschiedenste Gewebearten differenzieren, auch hoffentlich irgendwann solche Erkrankungen behandeln können, bei denen Gewebe ausgefallen ist. Dabei kann es sich zum Beispiel um zerstörtes Muskelgewebe nach einem Herzinfarkt handeln oder auch um abgebautes Nervengewebe bei bestimmten neurodegenerativen Erkrankungen.
Könnte sich Nabelschnurblut zur Herstellung induzierter pluripotenter, also rückprogrammierter Stammzellen eignen?
Das ist denkbar. Denn wenn es gelungen ist, bei bestimmten adulten Stammzellen eine Rückdifferenzierung zu pluripotenten Zellen zu erreichen, dann geht das auch mit anderen Zelltypen. So sind auch blutbildende Stammzellen (die beispielsweise im Nabelschnurblut vorkommen, Anm. d. Red.) eine interessante Quelle, da sie noch unreifer, sozusagen jünger sind als die Stammzellen, die wir alle im Körper tragen.